Parzellennummer 1836: 205
Grundfläche des Hauses 1836: 11,7 Quadratruten (entspricht ca. 96 qm)
Steueranschlag 1745: 204 Gulden
Grundherrliche Abgabe:
Spital Esslingen 5 Schilling oder 10 Kreuzer, 5 Heller
Kurze Straße 20 (Bildquelle: Helmut Proß)Gebäudebeschreibung im Güterbuch 1745
Eine 2-stockige Behausung mit einem Keller, Schweinestall und Dunglege, alles in der Kurzen Gasse, zwischen Martin Müller und dem Heugäßle, stoßt vorne auf die Kurze Gasse und hinten Martin Müller.
Lage
Gebäudebeschreibung
Bei dem Gebäude handelt es sich um ein giebelständiges, zweigeschossiges Wohn- und Geschäftshaus, welches sehr markant - quasi in Kopflage - zwischen der Kurzen Straße und der Neuen Gasse steht. Über einem wohl massiv gemauerten Erdgeschoss erhebt sich ein verputztes Fachwerk-Obergeschoss. Am Südgiebel zeigt sich eine symmetrische Fassadengliederung und im Erdgeschoss eine historische Ladenfassade mit gußeiserner Stütze. Nach oben schließt das Gebäude mit zwei Dachgeschossebenen unter einem Satteldach mit Satteldachgauben ab. Sämtliche Geschossebenen stoßen leicht vor.
Bau- und Besitzgeschichte
Über das Haus Kurze Straße 20 berichtet Wolfgang Zacher in seiner Chronik aus dem Jahre 1646: „Jakob Weißer, Metzger, baute auf seines ersten Schwagers Hans Mergenthaler Hofstatt unter dem Zacherischen Haus.“ Das Haus war dem Esslinger Spital 5 Schilling zinspflichtig, in dessen Lagerbuch von 1654 Jakob Weißer, genannt Reizelin als Eigentümer erwähnt ist. Es wird als unter dem Markbrunnen gelegen bezeichnet, vorne auf die Kurze Straße stoßend und hinten an Doktor Klöpfer. Die letzte Angabe ist problematisch, weil das Haus des Doktor Klöpfer nicht zugeordnet werden kann, obwohl die Besitzer aller Nachbargebäude bekannt sind. Es handelt sich um Dr. Hieronimus Klöpfer, der seit 1630 als Anwalt in Schwäbisch Hall lebte und dort am 26.08.1661 gestorben ist. Er stammte aus Waiblingen und war auch in seiner Zeit in Schwäbisch Hall in Waiblingen präsent. Die Zacher-Chronik berichtet: 1644 „überbaute Dr. Klöpfer seine Hofstatt und Keller am Markt, nächst bei dem Brunnen nur mit einem Dachstuhl“. Wahrscheinlich handelte es sich hierbei um eine provisorische Bedachung für einen Keller, dessen zugehöriges Haus beim Stadtbrand 1634 zerstört wurde. Die Formulierung im Esslinger Lagerbuch „stost vornen vff die Kurtze Gaß, vnnd hinden vff gedachten herrn Doctorn Klöpffern” legt nahe, dass sich Klöpfers Haus oberhalb der Kurzen Gasse 20 befand. Am 31.10.1771 kam es zu einem Brand in dieser Gegend, dem unter anderem das Zacherhaus (Marktplatz 9 - Untere Apotheke) zum Opfer fiel. Daraufhin wurde der gesamte Bereich neu gestaltet und die Neue Gasse angelegt, eine Straße, die zuvor in dieser Form nicht existierte. Möglichweise fiel das Klöpfer-Haus diesem Straßenbau zum Opfer. Das Haus Kurze Straße 20 scheint weder vom Brand, noch vom Bau der Neuen Gasse betroffen gewesen zu sein. Das äußere Erscheinungsbild, vor allem die deutlichen Stockwerksvorstöße lassen eher auf eine Erbauung im Jahre 1646 schließen als in den 1770er Jahren. Genaueres könnte nur eine bauforscherische Untersuchung mit dendrochronologischer Datierung klären. Sollte es sich bestätigen, dass der Bau aus dem 17. Jahrhundert stammt, wäre es eines der besterhaltensten Häuser, die nach dem Stadtbrand von 1634, noch während des Dreißigjährigen Kriegs wiederaufgebaut worden sind.
Die Besitzgeschichte der Vorgängerbauten läßt sich mithilfe der Esslinger Lagerbücher weit zurückverfolgen. Zunächst ist 1569 und 1600 Hans Mergenthaler genannt, den bereits Kaspar Zacher in seiner Chronik als Vorbesitzer erwähnt. Möglicherweise haben wir es mit zwei gleichnamigen Personen, wahrscheinlich Vater und Sohn zu tun. Bei einer 1607 durchgeführten Anfrage der herzoglichen Regierung in Stuttgart über die Vermögensverhältnisse der Waiblinger Bürger wurden die Steueranschläge für die Häuser von 15 zufällig ausgewählten Bürgern angegeben. Das Haus des Hans Mergenthaler gehörte mit 168 Gulden zu den Gebäuden mit den geringsten Anschlägen, andere wurden teilweise mit über 1.000 Gulden bewertet.
Die Esslingen Lagerbücher von 1476 und 1494 nennen beide Klaus Metzger als Eigentümer, im 1494er Lagerbuch werden in undatierten Nachträgen noch Hans Berner und Martin Mager erwähnt. In der Herdstättenliste von 1525 ist das Haus des Hans Berner mit einem Betrag von 150 Gulden angeschlagen, ein eher etwas unterdurchschnittlicher Wert, der aber zu einem nicht allzugroßen Handwerkerhaus ohne Nebengebäude gut paßt. Das erste für das Spital Esslingen vorhandene Lagerbuch von 1304 nennt eine Familie auf dem Stade, als Lagebezeichnung ist vermerkt „auf dem murlin“. Sollte es sich dabei um die Stadtmauer handeln, könnte man überlegen, ob die Stadtmauer in dieser Zeit noch weiter oben verlief, vielleicht dem Straßenverlauf der heutigen Kurzen Straße folgend. Das ist beim momentanen Stand der Waiblinger Mittelalter-Stadtgeschichtsforschung zwar reine Spekulation, aber trotzdem ein interessanter Hinweis, den es zu beachten gilt.
Die Besitzgeschichte nach dem Dreißigjährigen Krieg beginnt, wie bereits erwähnt, mit Jakob Weißer, der das Haus 1646 errichten ließ. Die Frau seines Sohns Johann Friedrich (1695-1735), eine geborene Paris aus Schornbach, brachte das Haus wahrscheinlich ihrem zweiten Ehemann Georg Leonhard Künzer, aus einer Familie, die sich auch Künzinger schrieb, in die Ehe ein. Künzer kam aus Korb, die Familie war aber nur eine Generation früher aus Thierachern, einem kleinen Ort unweit des Thuner Sees im Berner Hinterland eingewandert. Die Einwanderung aus der Schweiz in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts war ein Massenphänomen, das den gesamten deutschen Südwesten betraf. Die Schweiz war vom Dreißigjährigen Krieg nicht nur verschont geblieben, sondern profitierte zunächst von einer hervorragenden Agrarkonjunktur, die durch die guten Absatzmöglichkeiten nach Deutschland zustande kam, wo während des Krieges wenig produziert werden konnte. Nach dem Krieg brachen diese Absatzmärkte weg, was dazu führte, dass vor allem Personen aus den Unterschichten in den entvölkerten deutschen Südwesten zogen, die sich spätestens nach ein oder zwei Generationen dort etabliert hatten. So erging es auch der Familie Künzer, in deren Besitz das Haus bis ins frühe 19. Jahrhundert blieb. Aufgrund der fehlenden Nebengebäude, es war auch kein Scheurentenn - eine ins Haus eingebaute Scheune - vorhanden, war das Haus am besten als Handwerkerhaus nutzbar. Demnach waren die Eigentümer Metzger, Seiler, Seifensieder, Bäcker und Weber.
1304Das Haus trägt den Beinamen „auf dem Stade“, Eigentümer Gerclin
1476 und 1494
Klaus Metzger, Anrainer: Ulrich Rieger (1476), Hans Eitel und Hans Thomas (1494)
Frühes 16. Jahrhundert
Hans Berner und Martin Mager
1569 und 1600
Hans Mergenthaler, Anrainer: Jakob Nopp (1569) und Konrad Jäger (1600)
Um 1646
Laut Zacher-Chronik wurde das Gebäude um 1646 durch Jakob Weißer neu erbaut.
1654
Jakob Weißer, Metzger
1745
Georg Leonhard Künzer, Metzger
1771
An den Sohn Johann Friedrich Künzer
1813
Die Söhne Johann Friedrich und Johann Christian Künzer
1820
Der Bruder Christian Friedrich Künzer
1842
Verkauft an Karl Viktor Heinrich Klingler
1849
Wilhelm Ludwig Friedrich Klingler und Johann David Schäfer
1852/1853
Matthäus Schwarz
1863/1864
Karl Wolf