Erbaut: 1674 (dendrochronologisch datiert), um 1676 (archivalisch datiert)
Parzellennummer 1836: 173
Grundfläche des Hauses 1836: 22,0 Quadratruten (entspricht ca. 180,6 qm)
Scheune: 16,2 Quadratruten (entspricht ca. 133 qm)
Steueranschlag 1745: 491 Gulden
Grundherrliche Abgabe:

Armen Kasten Waiblingen 2 Schilling oder 4 Kreuzer, 2 Heller
Armen Kasten Esslingen 8 Schilling, 6 Heller oder 18 Kreuzer, 2 Heller
Kellerei Waiblingen 1 Kreuzer, 5 Heller

Kurze Straße 36 (Bildquelle: Jörg Heinrich)Kurze Straße 36 (Bildquelle: Jörg Heinrich)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das hübsche Fachwerkhaus Kurze Straße 36, schräg gegenüber der Nikolauskirche gelegen, steht auf einem großen Grundstück, das mit einem Haus an der Kurzen Straße und einer hinter den Gebäuden Kurze Straße 34 und 36 gelegenen Scheune bebaut war.

Eintrag im Kaufbuch 1699
Eß verkaůfft Gall Lehre Bůrger vnd Schůehmacher Allhier vnd gibt Zůe Kaůffen Barthlen Jäger daselbsten Eine Behaůsůng vnd Keller darůnter samt dem schewren Blatz. darneben aůch s:[alva] v:[enia] Důng ůnd hoffgerechtsame an der Kůrtzen Gassen, oberthalb der Kappel Zwishen dem Zwerchgäßlen Einer anderseiths mit dem Scheüren Blatz důng vnd Hoffgerechtsame, an Herrn B[ü]r:[ger]maister Hannß Conrad Hahnen Hoffstatt vnd Scheüren [...] samt denen ob denen Kam[m]ern noch ohngefähr .60. onvershäffte Britter, welche Zůe selbigen Boden gewidmet, Zůsam[m]en für vnd ůmb. — :Acht Hündert vnd Fünfftzig Gůlden
Waibling.[en] d.[en] 17.t.[en] Aprili. Anno. 1699.

Gebäudebeschreibung im Güterbuch 1745
Eine 2. stockichte Behausung mit einem gewölbten Keller, nicht weniger einer Scheuren, Hoffreithen, und Tung-Gerechtigkeit darbeÿ alles in der Kurzen Gaßen, ob der Cappel, zwischen dem Oberen PfarrGäßlen, und H.[err] Castenpfleger, Daniel Schreiber, stost Vornen auf die Kurze Gaßen, und hinten Fr:[au] Stattschreiber Visherin Kuchen Gärtlen.

Lage

Gebäudebeschreibung
Beim Gebäude Kurze Straße 36 handelt es sich um ein giebelständiges, zweigeschossiges Gebäude in Ecklage zu einer Verbindungsgasse zwischen Kurze und Lange Straße. Über einer massiv gemauerten Erdgeschosszone erhebt sich ein unverputztes Fachwerk-Obergeschoss. Nach oben schließt das Gebäude mit zwei Dachgeschossebenen und Spitzboden unter einem Satteldach mit Schleppgauben ab. Die einzelnen Geschossebenen zeigen Stockwerksvorstöße. Der straßenseitige Giebel besitzt ein aufwändig gestaltetes Zierfachwerk mit geschweiften Fußstreben, Rautenmotiven und geschnitzten Ornamenten. Bemerkenswert ist der schmiedeeiserne Wirtshausausleger mit dem Motiv einer Sonne, der auf die lange Nutzungsgeschichte als Gasthaus hinweist.

Bau- und Besitzgeschichte
Die Besitzgeschichte ist aufgrund verschiedener grundherrlichen Abgaben gut nachvollziehbar. Nach der Brandkatastrophe von 1634 war die Parzelle zunächst unbebaut, kam aber um 1670 in den Besitz des Schuhmachers Gall Lehr. Die Familie Lehr stammte aus Nagold, drei Geschwister Hans, Gall und Katharina zogen in den 1650er und 60er Jahren nach Waiblingen, eine weitere Schwester heiratete 1663 den Waiblinger Andreas Weißer. In der Armenkastenrechnung 1676 ist Gall Lehr als Eigentümer einer „Newerbauten behaußung” genannt, während in der Rechnung im Vorjahr noch von einer “Haushofstatt” die Rede ist. Als er das Anwesen im Jahre 1699, fast 25 Jahre später, verkaufte, war der Innenausbau des Hauses noch nicht vollständig abgeschlossen, so dass noch ca. 60 Bretter, die als Bodenbelag des Dachbodens bestimmt waren, in den Verkauf mit einbezogen werden mussten. Das rückwärtig gelegene Grundstück war beim Verkauf 1699 noch unbebaut, wahrscheinlich fehlten Lehr die finanziellen Mittel für ein Nebengebäude und auch Bartholomäus Jäger wartete nach dem Kauf des Anwesen weitere 15 bis 20 Jahre, so dass erst 1718 eine “Scheune” und nicht mehr ein “Scheunenplatz” in der Armenkastenrechnung genannt ist. Letztlich handelt es sich um ein gut dokumentiertes Beispiel für die Wiederbebauung eines großen Grundstücks in in der Waiblinger Altstadt in verschiedenen Etappen nach der Brandkatastrophe von 1634. Zunächst lag das Grundstück über 40 Jahre brach, 1676 wurde das Haus gebaut, der Innenausbau zog sich fast 25 Jahre hin und die Fertigstellung der Nebengebäude dauerte nochmals 15 Jahre.

Im 18. Jahrhundert gehörte das Anwesen über viele Jahrzehnte der Metzgerfamilie Gumbrecht. Die Umwandlung in das Gasthaus “Sonne” erfolgte wahrscheinlich erst im frühen 19. Jahrhundert durch Karl Kaufmann. Aus dieser Zeit dürfte auch der Wirtshausausleger stammen.

1494
Wendel Hänsle, Anrainer: Jörg Krapfenbacher

1511
Hans Krauß, 1525 in der Herdstättenliste mit 100 Gulden angeschlagen.

1568
Wilhelm Müller und Veit Nördlinger, Anrainer: Klaus Ritter Kinder, hinten Veit Spieß Scheune

1612
Konrad Dötz, Anrainer: Hieronimus Kieß, hinten an Ludwig Meule Scheune

1671
Gall Lehr, Schuhmacher, als Eigentümer einer unbebauten Haus- und Scheunenhofstatt im Kellereilagerbuch genannt, Anrainer: Johann Fichtel, Metzger, hinten Gall Weißers Erben Scheunenplatz

1674/1676
Gall Lehr erbaut das heutige Gebäude

1699
Lehr verkauft das Anwesen an Bartholomäus Jäger für 850 Gulden, Anrainer: Bürgermeister Hans Konrad Hahn

um 1718
Batholomäus Jäger erbaut neben dem Gebäude eine Scheune

1745
Johann Friedrich Pfeifer, Gerichtsverwandter

1755
an den Schwiegersohn Johann Georg Gumbrecht, Metzger, verkauft

1775
der gleichnamige Sohn Johann Georg Gumbrecht erbt einen Anteil und kauft weitere Erbteile, und kann so das gesamte Anwesen in seinen Besitz bringen, später Christian Gottfried Gumbrecht, Metzger

1829
Karl Kaufmann, Metzger und Sonnenwirt