Parzellennummer 1836: 293
Grundherrliche Abgabe: Zinsfrei
Lange Straße 1 (Bildquelle: Martin Klöpfer)Der Beinsteiner Torturm befindet sich am östlichen Rand des historischen Stadtkerns von Waiblingen. Er stellt das letzte noch erhaltene Stadttor von Waiblingen dar, welches zugleich als Brückentor der hier bestehenden Remsbrücke fungiert. Der Torturm steht wenige Meter östlich vor dem eigentlichen Stadtmauerverlauf. Dies spricht für eine ehemalige Doppel-Toranlage, wie sie auf älteren Abbildungen noch ersichtlich ist.
Der Beinsteiner Torturm diente wohl primär als Stadttor, um nachts und bei Gefahr die Tore zur Stadt zu schließen. Zudem konnte ein Türmer vom obersten Stockwerk aus das Umfeld und die Stadt gut überblicken und bei Gefahr Alarm geben. Ab dem späten 17. Jahrhundert sind zudem Blockhäuser bzw. Gefängniszellen im Turm erwähnt und nachweisbar. Somit dient der Turm spätestens ab dieser Zeit auch als Gefängnis.
Literaturhinweis:
Wilhelm Glässner: Das Torwarthaus zwischen zwei Toren – Neues zum Beinsteiner Torturm-, in: Waiblingen und Vergangenheit und Gegenwart, Bd. 6, 1980, S. 174-178.
Gebäudebeschreibung im Güterbuch 1745
Ein hoher Thurm, sonsten der Beinsteiner Thurm genannt unten in der Statt, worunter das Beinsteiner Thor, mit Burgerlichen und andern Gefängnüßen, nicht weniger einer darauf befindlichen Wohnung Zur Hochwacht.
Ein ThorHäußlen unter dem Beinsteiner Thor zwishen beeden Thoren stehend.
Lage
Gebäudebeschreibung
Beim Beinsteiner Torturm handelt es sich um einen sechsgeschossigen, massiv gemauerten Stadttorturm. Das hohe Erdgeschoss nimmt eine rundbogige Tordurchfahrt auf, die in Ost-West-Richtung über die Remsbrücke kommend in die Stadt führt. Darüber folgen vier weitere, gemauerte Turmgeschosse, die an den Turmkanten durch sandsteinerne Eckquaderungen akzentuiert werden. Zugleich wird der Turm durch vier umlaufende, sandsteinerne Kaffgesimse horizontal untergliedert. Das oberste Stockwerk wurde in Fachwerkbauweise errichtet und zeigt sich mit rot gestrichenem Zierfachwerk. Nach oben schließt der Turm mit drei Dachgeschossebenen unter einem Pyramidendach mit Glockentürmchen ab.
An der östlichen Feldseite dokumentiert ein Wappenstein mit württembergischen Wappenschild und der Jahreszahl 1491 eine Bauphase des Turmes. Zudem schmücken zwei Sgraffitogemälde von 1938 die Ostfassade. An der südwestlichen Ecke des Turms befindet sich ein außenliegender,
überdachter Treppenaufgang, der vom Außenniveau in das 1. Obergeschoss des Turmes führt.
Über den massiv gemauerten Außenwänden des Turmes erhebt sich mit dem 5. Obergeschoss ein Fachwerk-Geschoss, welches sich bis heute als dekoratives Sichtfachwerk deutlich vom ansonsten verputzten Baukörper abhebt. An diesem Fachwerk-Geschoss sind zwei Uhren-Ziffernblätter (an der West- und Ostseite) angebracht, die ehemals über ein mechanisches Uhrwerk im Innern des Geschosses betrieben wurden. Über diesem Fachwerk-Aufbau erhebt sich das dreigeschossige Dachtragwerk, welches aus Nadelholz (Tanne) errichtet wurde und über verzapfte Holzverbindungen verfügt. Im 1. und 2. Dachgeschoss besteht jeweils eine liegende Stuhlkonstruktion. An den Stuhlstreben konnten Abbundzeichen in Form von römischen Ziffern und Dreieckskerben entdeckt werden, die für eine einheitliche Errichtung des Dachtragwerks sprechen.
2. Hälfte 13. Jahrhundert
Die heutige Stadtbefestigung rings um die Altstadt von Waiblingen dürfte in der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts entstanden sein. Genaue Belege für die Erbauung der einzelnen Stadtmauerabschnitte bzw. der Stadttore sind bislang nicht bekannt. 1356 wird erstmals von einem „bruggentor“ berichtet, welches als Vorgängergebäude des heutigen Beinsteiner Torturms anzusehen ist. Sicherlich war man schon früh bemüht den so wichtigen,
östlichen Stadteingang unmittelbar an der Remsbrücke zu sichern. Möglicherweise sind noch bauliche Reste dieses Vorgängertores im Erd- und 1. Obergeschoss des heutigen Torturms überliefert. Gesicherte Erkenntnisse hierzu könnten allerdings archäologische Grabungen im Umfeld des Turmes sowie eine Begutachtung des Mauerwerks im unverputzten Zustand erbringen.
1491
Wie der Wappenstein an der Ostfassade des Torturms belegt, gab es um das Jahr 1491 eine größere Baumaßnahme. Sehr wahrscheinlich wurde damals das bisherige Stadttor abgebrochen und durch den heutigen Turm ersetzt. Einzelne Details im Gebäude könnten Belege für die Vermutung
sein, dass noch Reste eines Vorgängergebäudes des 14. Jahrhunderts im heutigen Turm vorhanden sind. So wurde der Treppenaufgang vom 1. zum 2. Obergeschoss nachträglich in die südlich Außenwand gebrochen. Die Seitenwände dieses Treppenaufgangs sind recht grob abgearbeitet. Zudem wurden an der Decke unterschiedliche Gewölbekonstruktionen eingebaut. Am Beginn der Treppe wurde im 1. Obergeschoss ein sandsteinernes Türgewände mit Kielbogen-Sturz verbaut. Diese Zierform ist typisch für die Spätgotik und passt somit in die Zeit um 1491. Daher wäre es naheliegend, dass 1491 der Treppenaufgang in eine ältere, bereits bestehende Außenwand eingebrochen wurde.
Zudem ist an der östlichen Außenfassade des Turmes sehr auffällig, dass die Eckquaderungen im Erd- und 1. Obergeschoss durchgehend aus grünlichem Sandstein bestehen. Die Eckquaderungen vom 2. bis 4. Obergeschoss zeigen hingegen im Wechsel grünlichen und rötlichen Sandstein. Darüber hinaus sind die Kaffgesimse über EG und 1. OG an der Ostfassade unterbrochen. Dies könnte ein Hinweis auf ein ehemaliges Fallgatter
oder eine Zugbrücke an dieser Stelle sein.
1634
Am 08. September 1634 zerstörte ein großer Stadtbrand weite Teile von Waiblingen. Dabei wurde offensichtlich auch der Beinsteiner Torturm beschädigt oder sogar in großen Teilen zerstört.
1667
Sowohl archivalisch als auch dendrochronologisch konnte nun nachgewiesen werden, dass um das Jahr 1667 das Fachwerk-Geschoss sowie das gesamte Dachtragwerk neu erbaut wurden. Sehr wahrscheinlich wurde um diese Zeit auch die westliche, stadtseitige Außenwand massiv aus Natursteinen aufgemauert. Zuvor dürfte es sich beim Beinsteiner Torturm um einen dreiseitigen Schalenturm gehandelt haben, der stadtseitig lediglich mit einer Fachwerk-Außenwand versehen war. Eine detaillierte und gesicherte Aussage hierzu kann aber erst erbracht werden, wenn die Westfassade des Turms in unverputztem Zustand einsehbar wäre. Ein wichtiges Indiz dafür, dass die Westwand erst um 1667 aufgemauert wurde ist ein Inschriftenstein an einem Fenstersturz im 1. Obergeschoss, der die Datierung 1666 trägt. Zudem trägt die Glocke im Glockentürmchen die Datierung 1667.
1683
Sowohl archivalisch als auch dendrochronologisch kann nun belegt werden, dass um das Jahr 1683 so genannte Blockhäuser (Gefängniszellen) im 4. und 5. Obergeschoss eingerichtet wurden. Dafür wurden massive, hölzerne Blockwände errichtet, die sich in Teilen bis heute erhalten haben. Spätestens mit dem Einbau der Gefängniszellen (eventuell auch schon 1667) wurden Öfen und zugehörige, massive Ofenwände und Kamine im Turm eingebaut.
1740
Für das Jahr 1740 wird archivalisch von baulichen Maßnahmen am Turm berichtet. Die Rede ist hier von einem „neuen Gebälk“. Was jedoch genau in dieser Zeit am Turm verändert wurde lässt sich bislang nicht klären.
1828-1864
Im Jahr 1828 wurde der Turm mit sechs Gefängniszellen ausgebaut und nun bis zum Jahr 1864 als Oberamtsgerichtsgefängnis genutzt. Von diesen sechs genannten Gefängniszellen sind bis heute zumindest drei exakt nachweisbar. Wie die dendrochronologische Datierung am außenliegenden
Treppenaufgang belegt, wurde während der Zeit als Oberamtsgerichtsgefängnis der Treppenaufgang oder zumindest dessen westliche Fachwerkwand erneuert.
1874
Im Jahr 1874 ging der Beinsteiner Torturm in den Besitz der Stadt Waiblingen über.
1928
Im Jahr 1928 wurde der heute noch bestehende Fußgängerdurchgang unter dem außenliegenden Treppenaufgang geschaffen.
1934
Für das Jahr 1934 sind Instandsetzungen von verwitterten Gurten in Beton überliefert.
1938
Die Sgraffitogemälde an der Ostfassade des Turms sind im Jahr 1938 durch den Künstler R. Ehehalt entstanden.
1977/1978
In den Jahren 1977/1978 fand eine umfangreiche Fassadensanierung statt, bei welcher unter anderem der Verputz am Fachwerk-Geschoss entfernt wurde.
2012
Die letzte größere Dach- und Fassadensanierung fand im Jahr 2012 statt. Dabei wurde durch die Restauratoren Mäule & Krusch (Ludwigsburg) eine restauratorische Teiluntersuchung an den Fassaden durchgeführt. Hierbei wurde auf der Außenseite eines Fachwerkständers des Fachwerk-Geschosses eine schwer lesbare Inschrift mit Datierung entdeckt. Nach der nun vorliegenden dendrochronologischen Altersbestimmung kann diese inschriftliche Datierung als „1667“ gelesen werden.