Erbaut: steinernes Erdgeschoss wohl 16. Jahrhundert, Fachwerkgerüst 1626 (dendrochronologisch datiert) in Neckarrems erbaut, um 1640 nach Waiblingen transloziert
Parzellennummer 1836: 30
Grundfläche des Hauses 1836: 27,6 Quadratruten (entspricht ca. 226,5 qm)
Steueranschlag 1745: 488 Gulden
Grundherrliche Abgabe:

Armen Kasten Waiblingen 6 Schilling oder 13 Kreuzer
Kloster Adelberg 10 Schilling oder 21 Kreuzer, 3 Heller

Lange Strasse 17 (Bildquelle: Jörg Heinrich)Lange Strasse 17 (Bildquelle: Jörg Heinrich)Die Häuser Lange Straße 17-21 liegen an der Kreuzung der Lange Straße mit der Neuen Gasse. Hinter den Häusern verläuft leicht schräg das Heugäßle, das nach dem Haus 21 abknickt und wieder in die Lange Straße einmündet.

Gebäudebeschreibung im Güterbuch 1745
Eine 2. stockichte Behaussung, Hoffraithe und Tung Lege mit einigen SchweineStäll, alles beÿsamen in der Langen Gaßen, Zwischen daniel Balthas Schäffers Witt[we] ein: anderseits Frau D.[oktor] CasParin, stost vornen auf die Langen Gaßen und hinten das HeuGäßle.

Ein Höflein, mit Schweinställ, hinter disem Haůß, neben Růdolph Kaůfman[n]s Zeůgmachers Scheůren ůnd Friderich Liechtenberger Kiefer.

Lage

 

Gebäudebeschreibung
Beim Gebäude Lange Straße 17 handelt es sich um ein zweigeschossiges, giebelständiges Gebäude. Über einem massiv gemauerten und durch Ladeneinbau modern veränderten Erdgeschoss mit Eckquaderungen erhebt sich ein verputztes Fachwerk-Obergeschoss. Lediglich der straßenseitige Nordgiebel zeigt sich mit einem unverputzten Zierfachwerk. Hier gestalten geschnitzte Kopfwinkelhölzer, geschweifte Andreaskreuze und profilierte Schwellen das Erscheinungsbild. Nach oben schließt das Gebäude mit zwei Dachgeschossebenen und Spitzboden unter einem Satteldach ab. Die einzelnen Geschosse zeigen giebelseitig leichte Stockwerksvorstöße. An der Langen Straße befindet sich zudem ein rundbogiges Kellertor, welches heute als Zugang zum Erdgeschoss umfunktioniert ist.

Bau- und Besitzgeschichte

Das Haus Lange Straße 17 hat eine der interessantesten Bau- und Besitzgeschichten in der Waiblinger Altstadt. Das steinerne Erdgeschoss mit Keller, wohl im 16. Jahrhundert erbaut, dürfte noch von einem Vorgängerbau stammen und den Stadtbrand von 1634 überstanden haben. Beim Wiederaufbau nach dem Brand müssen der Bauplatz und die Ruinen des Vorgängerbaus in den Besitz des Gall Weißer gekommen sein. Die Familie Weißer war eine der Familien, die maßgeblich den Wiederaufbau der Waiblinger Altstadt nach 1634 vorantrieb, vor allem in diesem Bereich der Lange Straße. So wurde z.B. auch die Lange Straße 24 von der Familie Weißer erstellt (weitere Informationen zu dieser Familie siehe dort).

Der Cannstatter Vogt Hans Jakob Frischlin machte 1645 die herzogliche Regierung in Stuttgart darauf aufmerksam, dass in den Waiblinger Amtsdörfern Häuser abgebrochen und in die abgebrannte Amtsstadt gebracht wurden. Teilweise wurden die Häuser dort wieder aufgebaut, teilweise wurde das Holz nur als Brennholz verwendet. Der Waiblinger Vogt Christian Herold verfaßte daher 1645 ein ausführliches Schreiben welche Häuser wo abgebrochen worden waren. Er berichtet unter anderem: „Anno [etc.] [1]640 Jst Michael Genderers Hauß, Allt Galle weißern Zue weibling[en] Zuekhaufen geben: vnd von ihme nacher Bemeltes weibling[en] vf seine Hofstatt gesezt word[en].“ In der Zacher-Chronik werden die Details etwas anders dargestellt: „1643 Alt Gall Weißer, Metzger hat die von Kleemeister Michael Gintters Erben zu Neckarrems neu erbaute Behausung mit steinernem Erker erkauft, heraufgeführt und auf des Bach-Simons Hofstatt gesetzt.“ Trotz der kleinen Abweichungen zwischen den beiden Quellen läßt sich der Vorgang gut rekonstruieren. Gall Weißer ist um 1640 bei der Suche nach einem Haus, das er abbrechen und in Waiblingen wieder aufbauen konnte in Neckarrems bei den Erben des Kleemeisters Michael Günther fündig geworden. „Kleemeister“ war das im Remstal gebräuchliche Wort für den Henker oder Abdecker. Die für das Amt Waiblingen zuständigen Kleemeister wohnten allerdings nicht in Waiblingen, sondern in Neckarrems. Die Henker hatten zwar eine Außenseiterrolle, waren aber oft vermögend, so dass sie sich stattliche Häuser leisten konnten.

Das Holz des Fachwerkobergeschosses wurde vor einigen Jahren dendrochronologisch untersucht und auf die Jahre 1623 bis 1626 datiert. Die Baugeschichte des Hauses läßt sich daher folgendermaßen rekonstruieren: Zunächst wurde das Haus um 1626 in Neckarrems vom Henker Michael Günther mit steinernem Erdgeschoss, einem Erker und Fachwerkobergeschoss errichtet. Nach der Brandkatastrophe von Waiblingen haben die Erben den Fachwerkoberteil an Gall Weißer verkauft, der diesen nach Waiblingen translozieren ließ. Das steinerne Erdgeschoss mit Erker blieb in Neckarrems, da man in Waiblingen die Ruine des Vorgängerbaus als Unterbau nutzen konnte. Vogt Christian Herold berichtet, dass Michael Günther 4 Kappaunen für den Bauplatz in Neckarrems als Abgabe an die Kellerei Waiblingen zu leisten hatte. Mit weiteren Detailforschungen wäre es vielleicht sogar möglich die genaue Lage dieses Standorts zu ermitteln. Dann könnte man abschätzen, wie stark die Maße des dortigen Bauplatzes von dem in Waiblingen abweichen.

In der Waiblinger Stadtgeschichtsforschung ist seit längerem bekannt, dass nach der Brandkastastrophe von 1634 Häuser in den Amtsdörfern abgebrochen und in Waiblingen wieder aufgebaut wurden. Bislang wußte man aber nicht, ob sich in der heute vorhandenen Bausubstanz noch Reste davon finden und wie man sich einen solchen Hausbau mitten im Dreißigjährigen Krieg vorzustellen hat. Wurden hier ganze Häuser oder Teile davon transloziert oder haben die Zimmerleute das zweitverwendete Holz nur als Baumaterial genutzt und dabei vielleicht die Bauhölzer in ähnlicher Weise verwendet wie vorher, also Schwellen wieder als Schwellen eingebaut und Sparren als Sparren? Mittlerweile konnten zwei Häuser, Lange Straße 17 und 27 identifiziert werden, die mit zweitverwendeten Bauhölzern errichtet wurden. Bei der Lange Straße 17 wurde die Fassade in der gleichen Gestalt wieder erstellt, hier kann man vom „translozieren“ eines Hauses reden. Bei der Lange Straße 27 legen bereits die Quellen nahe, dass nur einzelne, zweitverwendete Hölzer in ein bereits angefangenes Bauvorhaben integriert wurden.

Über den aktuellen Zustand des Hauses werden in einer bauhistorischen Kurzdokumentation aus dem Jahre 1997 folgende Details berichtet:

  • Die Erdgeschosszone hat massive Außenwände von erblicher Dicke. Teilweise weisen die Holzdecken noch Reste von Bemalungen auf.
  • Um das Jahr 1670 wurde die Grundrissstruktur des Sockelgeschosses zu einer einheitlichen, dreischiffigen und über die gesamte Hauslänge reichenden Anlage umgebaut.
  • Der Dachstuhl ist im originalen Zustand erhalten und zeichnet sich durch mächtige Holzdimensionen und einen liegenden Stuhl aus. Erhalten sind auch die Windverstrebungen, teilweise in doppelter, rautenförmiger Ausführung.
  • Im 1. Dachstock war bzw. ist eine liegende, verzapfte und auf Schwellen gegründete Stuhlkonstruktion abgezimmert. Sie war in fünf innere Querachsen angeordnet. Vor beiden Seitengiebeln waren ursprünglich Dachkammern angelegt. Zumindest am Nordgiebel scheint das innere Wandgefüge noch weitgehend erhalten zu sein.
  • Der zweite Dachstock ist vollständig erhalten. Am Nordgiebel ist ein aufwendiges Zier- und Schmuckfachwerk abgezimmert.

Das Haus in Waiblingen war mit Zinsabgaben in das Kloster Adelberg und den Armen Kasten Waiblingen belegt. Anhand der Adelberger Lagerbücher und der Rechnungen des Armen Kastens läßt sich die weitere Besitzgeschichte ermitteln. Erster bekannter Eigentümer ist 1538 Wolf Wertwein, der 1545 mit einem weit überdurchschnittlichen Vermögensanschlag von 1.600 Gulden zur Türkensteuer eingeschätzt wurde. In den Musterungslisten erscheint er bereits 1521 als Pferdebesitzer. In einem Zeugenverfahren im Jahre 1548 macht er die Angabe, er sei ca. 40 Jahre alt und habe einen Sitz im Stadtrat inne. Sein Besitznachfolger Michael Flur ist 1553 als Schütze gemustert. Er sagt 1548 im selben Zeugenverfahren aus, er sei ca. 34 Jahre alt und Sohn des im Bauhof wohnenden Ulrich Flur. Die Familie Flur im „Bauhof“, dem heutigen „Zehnthof“, hatte von der Herrschaft den ehemaligen Herrenhof, den mit Abstand größten landwirtschaftlichen Betrieb in Waiblingen gepachtet. Eine zur Familie gehörige Anna Flur war mit Albrecht Wacker, dem Besitzer des Klösterle in Cannstatt verheiratet. Außerdem ist zufällig bekannt, dass die Brüder Michael und Leonhard Flur 1546 wegen einer Ehrverletzung einen Rechtsstreit mit Hans Berner in Öffingen hatten, der aber zu ihren Gunsten entschieden wurde. Der Eigentümer im Jahre 1597, Gall Nopp, verheiratet mit einer Agnes Weiß, läßt von 1558 bis 1569 einige Kinder taufen und ist 1603 in der Musterungsliste als Spießer mit Rüstung erfaßt. Letztlich gehörten alle bis zum Dreißigjährigen Krieg bekannten Eigentümer des Hauses zur städtischen Oberschicht. Daher ist davon auszugehen, dass der Vorgängerbau auf dieser großen Parzelle ebenfalls ein stattliches, repräsentatives Haus war.

1538
Wolfgang Wertwein, später Michael Flur, Anrainer: Hans Krämer, Konrad Klein und Michael Eberle

1597
Gall Nopp, Anrainer: Georg Rumei und Georg Süß

Um 1600
Simon am Bach

Um 1640
Translozierung eines Fachwerkgerüstes der Zeit um 1626 von Neckarrems nach Waiblingen. Aufrichtung des Fachwerkgerüstes über den Grundmauern des Vorgängergebäudes.

1648
Jung Johann Weißer, Gall Sohn

1657
Alt Gall Weißer

1667/1668
Alt Gall Weißer Kinder

1705
Dr. Johann Ulrich Schmidt

1745/1750
Kanzleiadvokat Gall Weißer

1784
Verkauf an Christof Bunz, Metzger

1788
Adlerwirt Jung Daniel Kaufmann, dann Ehenachfolger Friedrich Enßle

1807
Heinrich Spitz, Kübler Witwe und Christian Spitz, Schlosser je häftig

1846
Silberarbeiter und Stadtpfleger Friedrich Spitz

1851
Georg Wilhelm Vögele, Kübler

1861
Christian Friedrich Müller

1872
Jakob Kuppinger, Schuhmacher