Parzellennummer 1836: 68
Grundfläche des Hauses 1836: 14,0 Quadratruten (entspricht ca. 114,9 qm)
Steueranschlag 1745: 249 Gulden
Grundherrliche Abgabe:
Kellerei Waiblingen 4 Heller
Lange Str. 27 (Bildquelle: Helmut Proß)
Während der Teil der Lange Straße oberhalb des Marktplatzes auch vor dem Dreißigjährigen Krieg von Geschäftshäuser und Gaststätten geprägt war, wohnten im unteren Teil eher kleinere Handwerker und Weingärtner. Das Haus Lange Straße 27 liegt zwar direkt unterhalb des Marktplatzes, dürfte aber ab ca. 1600 ein Gasthaus gewesen sein und war somit, abgesehen von der Herberge auf dem Grundstück des heutigen Löwen (Lange Straße 6), vor dem Dreißigjährigen Krieg wahrscheinlich das letzte Geschäfts- oder Gasthaus im unteren Bereich der Lange Straße.
Gebäudebeschreibung im Güterbuch 1745
Eine Behausung mit 2. stöcken und einem Anbäule hinten daran nebst einer Hoffraithe in der Langen Gaßen, zwischen Johann Ulrich SPeichen, und Jacob Böhringers Beckhen, gemeinshafftl:[ichem] Hauß, ein- ander seits des Jnnhabers Scheuren, Johann Georg Haubers, Schuchmachern, und der Allmand, stost vornen auf die Lange Gaßen, und hinten H.[err] Johann Melchior Kauffmann.
Lage
Gebäudebeschreibung
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Die Besitzgeschichte läßt sich mithilfe der Einträge in den Lagerbüchern der Kellerei bis mindestens 1494 zurückverfolgen. Die sehr geringe Zinsabgabe von 4 Hellern könnte darauf zurück zu führen sein, dass sich auf dem Grundstück vor 1350 ein Garten befand, der später überbaut wurde, da eine Zinsabgabe von 4 Heller im Kellereilagerbuch von 1350 die übliche Abgabe aus Gärten ist. Der erste sicher feststellbare Eigentümer war Hans Decker, der in den Lagerbüchern von 1494 und 1511 genannt ist. In der Herdstättenliste von 1525 wird sein Haus nur mit dem geringen Vermögensanschlag von 50 Gulden eingeschätzt. Es kann sich nur um ein kleines Haus gehandelt haben, dem heutigen Bau nicht vergleichbar.
Im Jahre 1568 wird Thomas Heinle als Eigentümer im Lagerbuch erwähnt. Er stammt nicht aus Waiblingen, sein Herkunftsort ist aber nicht bekannt. Heinle ist in den Musterungslisten von 1566 bis 1603 als Spießer mit Rüstung eingetragen. Er war zweimal verheiratet, in zweiter Ehe mit der Tante des Chronisten Wolfgang Zacher und hatte 13 Kinder. In einem Schuldnerverzeichnis von 1591 ist er dreimal erwähnt mit mittleren Beträgen von 20 Pfund, 50 Gulden und 70 Pfund, die er verschiedenen Gläubigern schuldig war. Zwei der drei Beträge hatte er beim Kauf eines Hauses und einer Scheune aufgenommen, das heißt er hatte in den Kauf von Gebäuden investiert und war kreditwürdig. Zudem ist er im Kellereilagerbuch von 1568 als Eigentümer von 8 Morgen Acker genannt und einige Male als Anrainer von Wiesen. Das alles deutet darauf hin, dass Heinle vermögend war und zur oberen Mittelschicht gehörte. Demnach war er deutlich reicher als Hans Decker und dürfte sein Haus auch entsprechend ausgebaut haben.
Die Zacher-Chronik vermerkt für das Jahr 1644: „Rudolf Becherer, Wirt, baut auf Hans Jörg Baiers Hofstatt unter dem Markt an der Langen Gasse”. Hans Jörg Baier war demnach der Eigentümer des Hauses Lange Straße 27 vor dem Dreißigjährigen Krieg, über den bislang leider nichts weiter bekannt ist. Rudolf Becherer stammt aus einer Familie, die um 1610 von auswärts nach Waiblingen kam, er ist am 07.03.1613 geboren, war von Beruf Rotgießer (Schwermetallgießer) und später Wirt zum Bären und ist am 07.02.1681 gestorben. Er war Stammvater einer zahlreichen Nachkommenschaft, die später zur Waiblinger Oberschicht zählte, so gehörten z.B. die Apotheker der Oberen Apotheke im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert zur Familie Becherer. In der Zacher-Chronik ist Rudolf Becherer bei der Aufzählung der jungen Bürgersöhne genannt, die beim Vogtgericht 1639 im Krieg oder auf Wanderschaft waren, er muss aber spätestens 1644 wieder nach Waiblingen zurückgekehrt sein.
Der Cannstatter Vogt Hans Jakob Frischlin machte 1645 die herzogliche Regierung in Stuttgart darauf aufmerksam, dass in den Waiblinger Amtsdörfern Häuser abgebrochen und in die abgebrannte Amtsstadt gebracht wurden. Teilweise wurden die Häuser dort wieder aufgebaut, teilweise wurde das Holz nur als Bau- oder sogar Brennholz verwendet. Der Waiblinger Vogt Christian Herold verfaßte daher 1645 ein ausführliches Schreiben welche Häuser wo abgebrochen worden waren. Er berichtet unter anderem aus Korb: “Anno [etc.] [1]644 Hat Hannß Reinhardt ein Hauß So nicht mehr zuebewohnen gewesen gegen Ruedolph Becherern verkhaufft, derselbe Hat seinen da mahls gefüehrten Baw zue weibling[en] darmit Außgebeßert“ und „Deßgleichen Haben die Burgermeister vnd Michael Stroheckher ein scheürlin Auch erstermelten Ruedolph Becherern zuekhaufen geben, welches er ebenfahls in seinen Baw eingebawen“. Das heißt Becherer hatte nach der Brandkatastrophe von 1634 auf dem Grundstück Lange Straße 27 bereits angefangen zu bauen und hat sich dann weitere Baumaterialien in Korb besorgt, indem er ein nicht mehr zu bewohnendes Haus und eine Scheune auf Abbruch gekauft hat.
Das Haus Lange Straße 27 hat einen sehr großen und tiefen Keller, der aufgrund der Größe nur für die Lagerung sehr großer Weinfässer für ein Gasthaus oder einen Weinhändler gebaut sein kann. Der erste für dieses Haus bekannte Eigentümer, der Gastwirt war, ist Rudolf Becherer. Allerdings scheint es eher unwahrseinlich, dass ein so großer Keller mitten im Dreißigjährigen Krieg gebaut wurde, zumal damals in der abgebrannten Waiblinger Altstadt genügend Keller zur Verfügung standen, die den Brand überstanden hatten. Es erscheint eher wahrscheinlich, dass Becherer sich dieses Grundstück zum Bau seines Gasthauses ausgesucht hat, weil sich dort bereits ein großer Keller befand. Demnach muss der Keller wohl von einem seiner Vorgänger, Thomas Heinle oder Hans Jörg Baier, im späten 16. oder frühen 17. Jahrhundert gebaut worden sein.
Ab dem 18. Jahrhundert bildete das Haus eine Einheit mit der benachbarten Scheune Lange Straße 29, wobei der Besitz häufig geteilt war, also zwei Eigentümer je eine Hälfte von Haus und Scheune besaßen. 1828 gelangte eine Hälfte an den Bäcker Christian Kauffmann, die Familie konnte später auch die andere Hälfte des gesamten Anwesens dazu kaufen und betreibt dort seit dieser Zeit eine Bäckerei.
1494
Hans Decker, Anrainer; Hans Eberle und Leonhard Rieger
1511
Hans Decker
1568
Thomas Heinle, Anrainer: Reinhard Eberle, Lorenz Aldinger von Fellbach und Michael Felger von Beinstein gemeinschaftliches Haus und Jakob Rieger Hoffläche, hinten Jakob Rieger Scheune
1671
Rudolf Becherer, Bärenwirt, Anrainer: Hans Friedrich Volmar, Stadtschreiber
1745-1815 (die Besitzverhältnisse lassen sich anhand der Güterbücher nicht eindeutig ermitteln)
Johann Heinrich Pfander, Metzger
Johann Georg Hauber, Johannes Dannenhauer, Jacob Ostertag nacheinander je eine Hälfte
Philipp Gabriel Becherer, ganzes Haus
David Steinbrech und Johann Jakob Barth Witwe nacheinander je eine Hälfte
Gottlieb Rösch eine Hälfte
1815
Johann Christof Kuppinger
1828
Christian Kauffmann, Bäcker, kauft eine Hälfte
1836
Christian Kauffmann (Johannes Sohn), Bäcker, und Christof Kuppinger je eine Hälfte