Erbaut: 1723/1724 (archivalisch belegt), Scheune (Scheurengasse 2) 19./20. Jahrhundert
Parzellennummer 1836: 83
Grundfläche des Hauses 1836: 17,4 Quadratruten (entspricht ca. 142,8 qm)

Scheune: 13,8 Quadratruten (entspricht ca. 113,3 qm)
Steueranschlag 1745: 374 Gulden
Grundherrliche Abgabe:
Gesamtes Anwesen:
Kellerei Waiblingen 8 Heller oder 1 Kreuzer, 2 Heller
Haus:
Stadt Waiblingen 6 Kreuzer aus 4 Schuh Fläche im Eingangsbereich
Scheune:
Armen Kasten 6 Schilling oder 13 Kreuzer

Lange Str. 31 (Bildquelle: Jörg Heinrich)Lange Str. 31 (Bildquelle: Jörg Heinrich)Die sieben Anwesen Lange Straße 31-43 (ungerade Nummern), auf der Ostseite der Lange Straße gelegen, sind alle auf gleichartigen, länglichen Parzellen gebaut. Vorne an der Lange Straße befinden sich die Häuser, in der Scheurengasse, in den Quellen gelegentlich auch “Zwerchgasse” (für querverlaufende Verbindungsgasse) genannt, stehen die Scheunen hinter einem kleinen Innenhof. Das Gebäude Lange Straße 31 liegt zudem am oberen Ausgang des Marktplatzes. Die sich gegenüberliegenden Häuser Nr. 31 und 32, beide sehr breit, hoch und einige Meter weiter vorne in der Straße stehend als die Nachbarbebauung, bilden eine Art Torsituation am oberen Ausgang des Marktplatzes.

Gebäudebeschreibung im Güterbuch 1745
Eine neue 3. stockichte Behausung, mit einem gewölbten Keller in der Langen Gaßen, auf dem Marckt, Zwischen H.[err] Ottfriederich Wolffen und H.[err] Johan[n]es Löwmanns gemeinshafftl:[icher] Behausung ein: anderseits H.[err] Johann Adam Weisen, stost vornen auf die Lange Gaßen, und hinten des Jnnhabers Scheuren.

Eine Scheůren mit einem Thenn, Barn und Stallung, Zwischen H:[err] Adam Theißen ůnd der Allmand ein: anderseits H:[err] Burgermaister Weÿßers Scheůren.

Lage

 

Gebäudebeschreibung
Beim Gebäude Lange Straße 31 handelt es sich um ein sehr stattliches, giebelständiges Gebäude. Das dreigeschossige Wohn- und Geschäftshaus besitzt eine hohe, massiv gemauerte und durch Ladeneinbauten modern überformte Erdgeschosszone. Darüber erheben sich zwei unverputzte Fachwerk-Obergeschoss mit einfachen Zierformen, wie K-Streben und Andreaskreuze. Nach oben schließt das Gebäude mit zwei Dachgeschossebenen und Spitzboden unter einem Satteldach ab. Die einzelnen Geschossebenen zeigen sowohl giebel- als auch traufseitig leichte Stockwerksvorstöße über Schwellen mit - für die Erbauungszeit typischen - kielbogigen Schnitzungen. Rückwärtig, südöstlich des Hauses steht eine zweigeschossige Fachwerk-Scheune (Scheurengasse 2), die nach oben mit zwei Dachgeschossebenen unter einem Satteldach abschließt. Die Scheune wurde im 20. Jahrhundert stark überformt und zum Wohn- und Geschäftshaus ausgebaut.

Bau- und Besitzgeschichte
Im Jahre 1720 erbte Johann Georg Becherer, Metzger, von seinem gleichnamigen Vater eine alte Behausung, Scheune, Hof, Dunggerechtsame und Keller mit Zubehör auf dem Markt. Das Haus wird in einer Inventur als sehr alt und baufällig beschrieben. Johann Georg Becherer ließ es völlig abbrechen und 1723/24 neu errichten. Über Bautätigkeiten an der dazugehörigen Scheune wird in diesen Jahren nichts berichtet, dem Ausssehen nach dürfte sie aus dem späten 19. oder sogar frühen 20. Jahrhundert stammen.

Das gesamte Anwesen hatte eine ewige Abgabe an die Kellerei Waiblingen zu leisten, die Scheune zusätzlich einen unablösigen Zins in den Armen Kasten. Dadurch läßt sich die Besitzgeschichte weit und detailliert zurückverfolgen. Der erste bekannte Eigentümer war 1494 Ludwig Wolfhart der ältere. Die Wolfhart waren bis zum Dreißigjährigen Krieg eine der einflußreichsten ehrbaren Waiblinger Familien, die Bürgermeister und Ratsmitglieder stellten und auch außerhalb Waiblingens als Pfarrer und Prälat, Doktor der Medizin oder Vogt Karriere gemacht haben. Ludwig Wolfhart und sein Bruder Erhart stifteten 1490 erhebliche Mittel zum Bau der Michaelskirche, daher wurde im Langhaus 1490 ein Schlußstein mit dem Wappen der Wolffhart - es zeigt einen nach rechts aufgerichteten Wolf – angebracht. Ludwig Wolfhart scheint ein Anhänger der Wiedertäufer-Sekte gewesen zu sein und mußte deshalb am 03.03.1500 Urfehde schwören und sich verpflichten keine Wiedertäufer mehr zu beherbergen. Er ist vor 1525 gestorben, bereits 1511 befand sich das Anwesen Lange Straße 31 im Besitz einer Ursula Wolfhart, vielleicht seiner Witwe.

Im Jahre 1568 ist Ludwig Wolfhart der jüngere als Eigentümer genannt, wahrscheinlich ein Sohn oder Enkel des Älteren. Er zinste 1545 aus dem eher durchschnittlichen Vermögensanschlag von 500 Gulden zur Türkensteuer, 1553 bis 1569 ist er als Schütze in den Musterungslisten erwähnt. In einem Zeugenverfahren 1586 machte er folgende persönliche Angaben: er sei ca. 73 Jahre alt und vor Jahren ein Kürschner gewesen, betreibe dieses Handwerk aber schon lange nicht mehr. Er sei vermögend und habe Stellen im Gericht und Rat der Stadt Waiblingen inne, einmal sei er sogar Bürgermeister gewesen.

Nach der Brandkatastrophe von 1634 ist der Rommelshäuser Pfarrer Johann Konrad Hitzler Besitzer des Anwesens. Er wurde als Sohn eines Daniel Hitzler am 21.05.1615 in Linz getauft, hat in Tübingen studiert und war ab 1637 Pfarrer in Rommelshausen. Seine Karriere endete abrupt, weil er im Jahre 1661 wegen eines Ehebruchs seine Pfarrstelle fluchtartig verlassen mußte. Ab 1663 kam er in Michelfeld unter, heute Gemeinde Angelbachtal, südlich von Heidelberg im Kraichgauer Hügelland gelegen, ein Ort, der den Herren von Gemmingen gehörte. Der Kraichgau war durch den Dreißigjährigen Krieg genauso wie das untere Remstal stark entvölkert, die dortige Reichsritterschaft war aber nicht so zimperlich wie das württembergische Kirchenregiment und nahm auch einen wegen Ehebruchs Geflüchteten als Pfarrer an. Hitzler blieb dann im Kraichgau und starb 1675 in Flehingen bei Pforzheim. Das Anwesen in Waiblingen gelangte für einige Jahre in den Besitz seiner verlassenen Ehefrau, Maria Hitzler, geb. Ruof. Als diese 1665 im Alter von 55 Jahren in Waiblingen starb, erbten zunächst ihre Söhne Johannes und Zimbrecht. Zimbrecht Hitzler ging nach Tübingen und verkaufte wahrscheinlich seinen Anteil an den Bruder Johannes, einen Lebküchler, der mit Anna Maria, Tochter des Handelsmann Johannes Hägele aus der Lange Straße 28 verheiratet war.

Um 1720 befand sich das Anwesen im Besitz des Bürgermeister Johann Georg Becherer. Die Familie Becherer war nach dem Dreißigjährigen Krieg eine der führenden Familien der Stadt, die auch maßgeblich am Wiederaufbau nach der Brandkatastrophe von 1634 beteiligt war. Wie bereits erwähnt, ließ Johann Georg Becherer, Metzger, das Haus 1723/24 komplett neu errichten. 1756 wird der Nachlaß unter seinen Erben aufgesplittet, die teilweise anderswo Karriere gemacht haben. Ein Sohn war Pfarrer in Tuttlingen, einer Handelsmann in Freudenstadt. Danach blieb das Anwesen größtenteils unter mehreren Eigentümern geteilt, die meisten waren Handwerker: Bäcker, Metzger, Schuhmacher, Schmied oder Seifensieder, ein Viertel gehörte zeitweilig einer Familie von Chirurgen.

1494
Ludwig Wolfhart, Anrainer: Hans Trunk

1511
Ursula Wolfhart, Anrainer: der Stadtschreiber

1568
Ludwig Wolfhart, Anrainer: Jakob Küehorn und Sebastian Schöck

1659
Johann Konrad Hitzler, Pfarrer zu Rommelshausen

1665
Maria, Johann Konrad Hitzler verlassene Ehefrau

1667
Johann Hitzler, Lebküchler und sein Bruder Zimprecht

1671
Johannes Hitzler, Lebküchler, Anrainer: Jakob Maurer und Philipp Knauß

1720
Johann Georg Becherer, Metzger, erbt vom Vater Johann Georg Becherer, Bürgermeister, eine alte Behausung, Scheune, Hof, Dunggerechtsame und Keller mit Zubehör auf dem Markt.

1723/1724
Das Haus wird als sehr alt und baufällig völlig abgebrochen und alles neu erbaut.

1745
Johann Georg Becherer, Metzger

1756
Seine Erben: Magister Jakob Becherer in Tuttlingen, Herr Handelsmann Becherer in Freudenstadt, Tochtermann Präzeptor Ensle, Gabriel Becherer in Waiblingen je ein Viertel.

1760
Verkauft Herr Spezial Becherer in Tuttlingen sein Viertel an Präzeptor Ensle

1761-1766
Bürgermeister Becherer in Freudenstadt verkauft sein Viertel an alt Johannes Spitz, Schlosser
Ein Viertel, dem Thomas Witzig, Kübler gehörig, wird ausgelöst durch Präzeptor Johann Balthasar Ensle
Eine Hälfte von Präzeptor Ensle an Schwiegersohn Johann Georg Villinger
Eine Hälfte von den Erben des Präzeptor Ensle durch Kauf an Johann Ulrich Bunz, Metzger

1786
Johann Ulrich Bunz verkauft seine Hälfte an Johann Georg Villinger, Seifensieder, der dann alleiniger Eigentümer des Hauses ist.

1796
Eine Hälfte gehört Daniel Trippel, Seifensieder

1804
Eine Hälfte an Jakob Friedrich Börith, Schuhmacher

1820-1825
Adam Fischer, Schmied, und Johannes Knauß, Chirurg, erben je ein Viertel von Jakob Friedrich Börith

1836
Eine Hälfte Daniel Trippel, Seifenseider
Ein Viertel Friedrich Fischer, Schneider
Ein Viertel Johannes Knauß, Chirurg

1843
Eine Hälfte geht von Daniel Trippel an Christian Fritz, Metzger

1849
Ein Viertel geht von den Fischererben an Wilhelm Merz, Schuhmacher und Ratsdiener

1866
Eine Hälfte von Christian Fritz an seinen Ehenachfolger Friedrich Schweizer, Metzger

1876
Eine Hälfte gehört Christian Fritz, Metzger, je ein Viertel Wilhelm Merz, Ratsdiener und Karl August Schallenmüller, Wundarzt