Erbaut: Massiver Unterbau 2. Hälfte 16. Jahrhundert / Fachwerkobergeschosse 1656
Parzellennummer 1836: 84
Grundfläche des Hauses 1836: 

Nördliche Haushälfte: 14,5 Quadratruten (entspricht ca. 119 qm)
Südliche Haushälfte: 15,3 Quadratruten (entspricht ca. 125,6 qm)
Steueranschlag 1745:
283 Gulden (nördliche Haushälfte), 279 Gulden (südliche Haushälfte)
Grundherrliche Abgabe:
Gesamtgebäude:
Kellerei Waiblingen 3 Schilling, 9 Heller oder 8 Kreuzer
Armen Kasten Esslingen 10 Schilling (5 Heller) oder 21 Kreuzer, 3 Heller
Rechte, nördliche Haushälfte:
Armen Kasten Waiblingen 8 Kreuzer, 4 Heller
Linke, südliche Haushälfte:
Geistliche Verwaltung Waiblingen 13 Kreuzer, 3 Heller und 8 Kreuzer für eine alte Henne
Inschriften:
Initialien über dem Hauseingang: V[eit] W[eber] mit einer Hausmarke und einer Lamm-Gottes-Darstellung

Lange Str. 32 (Bildquelle: Helmut Proß)Lange Str. 32 (Bildquelle: Helmut Proß)Das Gebäude Lange Straße 32 liegt am oberen Ausgang des Marktplatzes in der Lange Straße. Die sich gegenüberliegenden Gebäude Lange Straße 31 und 32, beide sehr breit, hoch und einige Meter weiter vorne in der Straße stehend als die Nachbarbebauung bilden eine Art Torsituation am oberen Ausgang des Marktplatzes. Dies kam früher noch deutlicher zum Ausdruck, weil vor und hinter dem Gebäude Lange Straße 32 die Sachsenheimer Gasse von der Langen Straße abzweigte und deren Bebauung direkt hinter dem Haus anschloß. Die Sachsenheimer Gasse war eine Arme-Leute-Wohngegend, die von deutlich kleineren und niedrigeren Häusern geprägt und von Scheunen und Werkstätten durchsetzt war. Heute befindet sich in diesem Bereich die um das Jahr 1990 erstellte Marktgasse.

Gebäudebeschreibung im Güterbuch 1745
Rechte, nördliche Haushälfte
Die Helffte an einer grossen 3. Stockichten Behausung samt einem gewölbten Keller darunter in der Langen Gaßen auf dem Marckt, Zwischen Jacob Binders Verwaltungs Kasten Knechts anderer Helffer behausung ein: anderseits dem Allmand Gäßlen, stost vornen auf die Lange Gaßen, und hinten Johann Adam Petershausen.

Linke, südliche Haushälfte
Die helffte an einer großen 3. stockichten Behausung mit einem gewölbten Keller, auch einer s:[alva] v:[enia] Tung Legin darhinter an der Langen Gaßen, auf dem Marckt, zwishen Herrn Helffer Mr. Johann Christoph Varenbühlers anderer helffte hauß und Johann Adam Peterhausers Witt:[we] ein: anderseits dem Sachenheimer Gäßlen, stoßst vornen auf die Lange Gaßen, und hinten Joseph Martins Witt:[we].

Lage

 

Gebäudebeschreibung
Beim Gebäude Lange Straße 32 handelt es sich um ein sehr stattliches, straßenbildprägendes Gebäude, welches giebelständig zur Straße hin orientiert ist. Das dreigeschossige Wohn- und Geschäftshaus rückt deutlich in den Straßenraum vor, wodurch es sehr präsent den westlichen Abschluss des Marktplatzes gestaltet. Über einem massiv gemauerten und durch Ladeneinbauten modern überformten Erdgeschoss erheben sich zwei Fachwerk-Obergeschoss, die weitestgehend verputzt sind. Lediglich das 2. Obergeschoss am straßenseitigen Giebel zeigt sich fachwerksichtig. Das Gebäude schließt nach oben mit drei Dachgeschossebenen und Spitzboden unter einem Satteldach ab. Die einzelnen Geschossebenen zeigen sowohl giebel- als auch traufseitig leichte Stockwerksvorstöße. Das unverputzte Giebeldreieck zeigt teils aufwendig gearbeitete Fachwerk-Zierformen mit Kopfwinkelhölzern und geschweiften Andreaskreuzen.

Bau- und Besitzgeschichte
Die Parzellengrößen in den Hauptstraßen der Waiblinger Altstadt sind alle ähnlich und zeichnen sich durch einen länglich-schmalen Zuschnitt aus. Nur drei Gebäude weichen davon ab: Marktplatz 2, nach der Brandkatastrophe von 1634 auf 3 Hofstätten gebaut, Lange Straße 51, im Mittelalter vielleicht als Franziskanerkloster angelegt und Lange Straße 32. Für die Lange Straße 32 gibt es bislang keine plausible Erklärung warum diese, nicht allzutiefe Parzelle doppelt breit ist. Allerdings bot dies die Möglichkeit das Haus in zwei Hälften aufzuteilen. Bereits im Mittelalter muss das Haus zeitweilig geteilt gewesen sein und zeitweilig nicht. Dies legen die grundherrlichen Abgaben nahe, die teilweise aus dem Gesamtgebäude und teilweise nur aus einer der beiden Hälften zu geben waren.

Die ersten Eigentümer über die wir einige Details wissen, sind die 1511 im Kellereilagerbuch genannten Martin Aichmann und Alexander Grimmeisen. Martin Aichmann ist in der Musterungsliste 1521 genannt, seine Haushälfte ist in der Herdstättenliste mit dem stattlichen Betrag von 200 Gulden angeschlagen. Alexander Grimmeisen ist 1521 und 1536 gemustert, bei der ersten Nennung mit einem Pferd. Der nächste, im Lagerbuch von 1568 erwähnte Besitzer, Veit Weber, war Eigentümer der Gesamtgebäudes. Er muss sehr vermögend gewesen sein, da ihm auch die Kurze Straße 9 gehörte. Er und seine Frau, die den Beinamen “Nußgreth” hatte, erscheinen in den Kirchenbüchern häufig als Paten, lassen aber keine eigenen Kinder taufen. In den Musterungslisten ist er 1566 und 1569 als Spießer mit Rüstung in der 3. Wahl genannt.

Lange Str. 32 Hauszeichen (Bildquelle: Martin Klöpfer)Lange Str. 32 Hauszeichen (Bildquelle: Martin Klöpfer)Am Hauseingang befindet sich eine Darstellung mit einem Lamm Gottes und einer so genannten Hausmarke, einem auf einem Kreis stehenden Pfeil, umrahmt von einem Wappenschild. Darüber stehen die Initialien “VW”, was als “V[eit] W[eber]” aufgelöst werden kann. Vermutlich hat Veit Weber in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts einen Neubau mit steinernem Stock errichten lassen, der den Stadtbrand von 1634 überstanden hat. Dies legt auch der am Erdgeschoss, als Eckkonsole an der oberen Hauskante angebrachte Neidkopf nahe, der von Scheible in seiner Abhandlung über die Waiblinger Neidköpfe in die Zeit vor dem Stadtbrand datiert wird. Er beschreibt ihn folgendermaßen: "Der aus einer konkav heraustretenden, seitlich rollwerkgezierten Eckkonsole wachsende Schreckkopf trägt “vermenschlichte”, doch stark mit animalischem vermischte Züge, die als aggressive Fratze gedeutet wird. Die vielen Linienzüge, so die gebündelten Stirn- und Augenfalten, die Augenbrauen- und Barthaarwülste sowie die Umrißschwünge der bis zu den Ohren reichenden Augenbrauen und des Bartes sind auf den spitz herausspringenden Mittelpunkt der Nasenspitze gerichtet. Die weit aufgerissenen Augen und der weit geöffnete Mund tun zusammen mit der zur Straße hinuntergeneigten Blickrichtung das ihre, um den Schreckeffekt zu vollenden. Durch die stark vereinfachte Form unterscheidet sich die katzenhaft anmutenden Fratze von allen anderen Neidkopf-Darstellungen beträchtlich. Dieser Kopf vereinigt die Kennzeichen des Schreckkopfes mit der Maske und muss eindeutig in die Reihe der dämonenabwehrenden Mittel und deshalb in die Zeit vor dem großen Brand eingeordnet werden." Ein zweiter, deutlich kleinerer Neidkopf an der tieferliegenden Straßenfront zum Marktplatz, übereck unter der ersten Vorkragung sitzend, dürfte jünger sein.

Lange Str. 32 Neidkopf (Bildquelle: Martin Klöpfer)Lange Str. 32 Neidkopf (Bildquelle: Martin Klöpfer)Die Lamm-Gottes-Darstellung über dem Eingang dürfte hier das Zunftzeichen der Metzger darstellen. Vom Spätmittelalter bis ins Barock findet sich das Lamm Gottes bei Metzgerzünften und oft auch an Gasthäusern. Erst ab dem 17./18. Jahrhundert wurde es allmählich durch den “Ochsenkopf mit Beil” verdrängt. Für ein Gasthaus wäre diese Lage in der Waiblinger Altstadt, direkt an der Durchgangs- und Hauptstraße "Lange Straße" gelegen ein passender Standort gewesen.

Die Zacher-Chronik berichtet, dass 1656 die beiden Teileigentümer des Hauses Lukas Müller und Hans Jörg Binder auf ihrem ererbten Grund ein Haus gebaut haben. Dabei handelt es sich um den heute noch vorhandenen Fachwerkaufsatz auf dem alten steinernen Erdgeschoss. Das Haus wurde im 18. und 19. Jahrhundert entweder als Geschäftshaus oder als Wohnhaus für städtische Beamte oder Pfarrer genutzt, seit 1928 ist es ein Bekleidungshaus. Im frühen 20. Jahrhundert hat der Eigentümer Heinrich Balz die erste Fachwerkfreilegung am Waiblinger Marktplatz durchführen lassen, als alle anderen umliegenden Häuser noch verputzt waren.

1494
Michael Goldschmied und Jörg Sattler, Anrainer: Jörg Dietz und Klaus Beck

1511
Alexander Grimmeissen und Martin Aichmann

1568
Veit Weber: Anrainer: Agatha, Hans Halm Witwe und Markus Faßnacht

Gebäudeteil 84/1, rechte, nördliche Hälfte
1612
Abraham Müller, Anrainer: Philipp Lang, Stadtschreiber, Hans Kienle und Paul Widmann

Vor 1634
Wilhelm Müller, Bürgermeister

1656
Sein Enkel Lukas Müller, Zoller (+1687, verheiratet mit Sabine, geb. Faber, + 1686), lässt die Fachwerk-Obergeschosse neu erbauen.

1687
Sein Schwiegersohn Jakob Weißer (1652-1707), Metzger (verheiratet mit Maria Magdalena, geb. Müller (1660-1714)

1707
Witwe und Kinder

1714
Ein Viertel: Johann Christof Hirschmann (1670-1740), Stadt- und Amtspfleger, Gerichtsverwandter (verheiratet mit Anna Maria, geb. Weißer (1680-1752))
Drei Viertel Christiane Magdalena, geb. Weißer (1695-1714), verheiratet mit Johann Jakob Becherer (1687-1729), Kupferschmied

1714
Verkauf an Johann Friedrich Hirschmann, Spezial

1722
Witwe und Kinder

1740
Der Schwiegersohn Johann Christof Varenbühler, Diakon, 1744 Spezial

1751
Witwe und Kinder

1776
Johann Rudolf Röhn der ältere, Handelsmann

1823
Johannes Rudolf Röhn der jüngere, Kaufmann

1846
Imanuel Bunz, Weißgerber

Gebäudeteil 84/2, linke, südliche Hälfte
Vor 1643
Konrad Dötz, Bürgermeister

1656
Hans Jörg Binder, Handelsmann (+ 1688), lässt die Fachwerk-Obergeschosse neu erbauen.

1688
Witwe Katharina, geb. Hartmann (+ 1715) und Kinder

1715
Sohn Johannes Binder (1664-1735), Bäcker

1751
Verkauf an Johann Georg Bunz, Weißgerber

1794
Johannes Bunz, Weißgerber

1801
Christian Bunz, Weißgerber

1850
Imanuel Bunz, Weißgerber

Gesamtgebäude
1846/1850
Imanuel Bunz kann die andere Haushälfte kaufen und wird somit Eigentümer des Gesamtgebäudes.

1879
Bunz’sche Erbengemeinschaft

1882
Gottlieb Balz, Borten- und Knopfmacher

1885
ungeteilt Vater und Sohn

1894
Heinrich Balz, Kaufmann

Lange Str. 32 von 1908 (Bildquelle: Helmut Proß)Lange Str. 32 von 1908 (Bildquelle: Helmut Proß)

1928
Friedrich Traub