Erbaut: 1699 (dendrochronologisch datiert)
Parzellennummer 1836: 98
Grundfläche des Hauses 1836: 35,0 Quadratruten (entspricht ca. 287 qm)
Steueranschlag 1745: 260 Gulden
Grundherrliche Abgabe:
Kellerei Waiblingen 5 Heller
Stadtgemeinde Waiblingen 3 Kreuzer 1 Heller

Lange Str. 36 (Bildquelle: Helmut Proß)Lange Str. 36 (Bildquelle: Helmut Proß)

 

 

 

 

 

 

Das Gebäude Lange Straße 36 stellt einen in seiner Erscheinung eindrucksvollen Vertreter der Wiederaufbauphase nach dem 30jährigen Krieg dar. Zudem besteht aufgrund seiner ursprünglichen Nutzung als Herberge eine heimatgeschichtliche Bedeutung. Das Gebäude wird auch Alte Herberge genannt und befindet sich am westlichen Rand der historischen Altstadt. Von der ehemals stattlichen Hofanlage mit an die ehemalige Stadtmauer grenzender Scheune und Nebengebäuden konnte sich lediglich das Wohngebäude erhalten. Wie der Name „Alte Herberge” deutlich macht, dürfte es sich bei diesem großen Gebäude, das durch einen Vorplatz zur ursprünglichen Hauptdurchgangsstraße hin eine erhöhte Wertung erhielt, um ein ehemaliges Gasthaus handeln. So führte der ursprüngliche Haupteingang auch über eine am straßenseitigen Giebel befindliche außenliegende Treppe ins Gebäude.

Gebäudebeschreibung im Güterbuch 1745
Philipp Heinrich Becherer ¾tel an einer 2stockichten Behausung mit einem gewölbten Keller, halbe Scheuren, Stallung Anbäulen und Hoffreithen in der Langen Gaßen, die Heerberg genannt, zwischen dem Adelbergl: Pfleeg Gartten und der Allmannd ein: anderseits Johannes Pfander Kupferschmids, Alt Jacob Letters Rothgerbers, Jsaac Wagners, Schuhmachers, Heinrich Krausen, Jacob Wegers und Georg David Baaders Behausungen und Hoffstättlen, stost vornen auf die Gaßen, und hinten die StattMauren.

Lage

 

Gebäudebeschreibung
Beim Gebäude Lange Straße 36 handelt es sich um ein zweigeschossiges, giebelständiges Gebäude über einem hohen Keller- bzw. Ladengeschoss. Die Laden- und Erdgeschosszonen wurden um 1960 stark überformt und zeigen sich heute als massiv errichtete, verputzte Geschosse. Das Obergeschoss, sowie die Dachgeschoss-Giebelscheiben wurden als Fachwerkkonstruktion abgezimmert und stellen sich heute auf der Süd- und Ostseite fachwerksichtig dar. Das Gebäude schließt nach oben mit drei Dachgeschossebenen unter einem Satteldach ab. Die einzelnen Geschossebenen zeigen sowohl giebel- als auch traufseitig leichte Stockwerksvorstöße.

Das Gebäude ist heute durch einen flachgedeckten Keller, welcher in seiner Form erst um 1960 Die dendrochronologische Untersuchung hat ergeben, dass die Bauhölzer der primären Tragkonstruktion des Gebäudes Lange Straße 36 in eingebracht wurde, teilunterkellert. Das weitestgehend entkernte Ladengeschoss ist ebenfalls erst um Waiblingen im Winter 1698/99 gefällt wurden. Es ist somit von einer Erbauung des Gebäudes in den Jahren 1960 entstanden und war ursprünglich Teil des Kellergeschosses. Auch die Erdgeschossebene erfuhr in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts deutliche Umbau- und Erneuerungsmaßnahmen. Die Erschließung des Gebäudes befindet sich heute an der südwestlichen Traufseite, die interne Erschließung geschieht im wesentlichen über einen längsgerichteten Mittelflur. Von der bauzeitlichen Grundrissstruktur hat sich im Obergeschoss noch die meiste Substanz erhalten. Auch hier zeigt sich die längsgerichtete Mittelflurerschließung mit seitlich angelagerten Räumen. Zur östlichen Giebelfassade hin waren die repräsentativeren Stuben- oder Saalräume hin orientiert.
Bemerkenswert ist der an der südlichen Traufseite noch vorhandene Fenstererker.
Die Dachgeschossebenen zeigen durchweg verzapfte Holzverbindungen und wurden im 1. und 2. Dachgeschoss durch zweifach liegende Stuhlkonstruktionen errichtet. Die durchgängige Zählung der Bundachsen anhand von Dreieckskerben verweist auf die bauliche Einheit des gesamten Dachtragwerkes.

Die dendrochronologische Untersuchung hat ergeben, dass die Bauhölzer der primären Tragkonstruktion des Gebäudes Lange Straße 36 in Waiblingen im Winter 1698/99 gefällt wurden. Es ist somit von einer Erbauung des Gebäudes in den Jahren 1699/1700 auszugehen.

Bau- und Besitzgeschichte
1494
Im Lagerbuch der Kellerei Waiblingen von 1494 sind die, im Dreißigjährigen Krieg abgebrannte Vorgängerbauten erwähnt, Eigentümer war zu dieser Zeit Thomas Kreß. Die Abgaben von Haus und Scheune waren damals noch getrennt in 19 Heller für die direkt an der Stadtmauer gelegene Scheune und 14 Heller für das Haus am Brunnen (heute Herbergsbrunnen). Als Anrainer wird Hans Lamp genannt. Interessant ist die Erwähnung von Brunnen und „Wette“, was mit „Pferdeschwemme“ zu übersetzen ist. Möglicherweise diente der Brunnen zur Versorgung einer nahegelegenen Pferdeschwemme der mittelalterlichen Burg Waiblingen.

1511
Im Lagerbuch der Einkünfte der Herzogin Sabina von 1511 ist Michael Geisel Eigentümer einer Herberge, die 14 Heller Zins gibt, die dazugehörige Scheune wird allerdings nur mit einer Abgabe von 18 statt 19 Hellern erwähnt. In der Musterungsliste von 1521 wird Michael Geisel als jemand genannt, der ein Pferd stellen mußte.

1568
Im nachfolgenden Kellereilagerbuch von 1568 befinden sich Haus, Scheune und zwei Hofplätze im Eigentum des Jakob Dötz. Die Wette wird mit gemeiner Stadt „Deÿchelgrůben" beschrieben, der Begriff läßt sich bislang aber nicht erklären. Die Abgaben aus der Scheune und dem Haus wurden zusammengefaßt zu einer Gesamtabgabe von 2 Schilling 9 Heller (33 Heller). Jakob Dötz ist in den Musterungslisten ab 1553 als Spießer mit Rüstung genannt. In den 1558 einsetzenden Waiblinger Kirchenbüchern ist nicht nur Jakob Dötz häufig als Pate genannt, sondern auch seine Frau Margaretha Sattler, wahrscheinlich eine Angehörige der ehrbaren Waiblinger Famile Sattler.

1699
Errichtung des heutigen Gebäudes Lange Straße 36.

um 1750
Erwähnung des Gebäudes unter dem Besitzer Philipp Heinrich Becherer.

1788
Ab 1788 wird auch aus der Berufsbezeichnung der Eigentümer deutlich, dass das Gebäude noch als Gasthaus gedient haben dürfte. Damals besaß der Bäcker Christoph Kaufmann ¾ des Hauses. Ab 1792 wird der Metzger Daniel Heinrich Becherer als Mitbesitzer erwähnt. Das große, stattliche Gebäude war schon früh unter mehreren Eigentümern aufgeteilt. So finden sich teilweise 16tel Anteile am Anwesen.

1837
In den 1830er Jahren kam es zu baulichen Änderungen am Gebäude. 1837 wurde - wegen eines Anbaus und einer neuen Wohnungseinrichtung - im Güterbuch der Steueranschlag um 125 Gulden erhöht.

1848-1861
Laut Überlieferung sollen sich hier im Obergeschoss die ersten Methodisten der Stadt versammelt haben.

1880
Unter dem Besitzer Louis Käßer, der von Beruf als Dreher bezeichnet wird, kam es zu baulichen Verbesserungen.

1954
Aus diesem Jahr liegen Planungen für den Umbau der Dachgeschosswohnung im südöstlichen Gebäudebereich vor.

1957
Die ursprünglich am südöstlichen Giebel stehende Außentreppe wurde abgebrochen.

1960
Von 1959/60 liegen Planungen vor, die die umfangreichen baulichen Maßnahmen dieser Zeit dokumentieren. Das Gebäude Lange Straße 36 hat damals seine heutige Gestalt erhalten. Die Gewölbe der ehemals vorhandenen Kellerräume wurden gekappt und mittels Stahlbeton-Flachdecken wurde eine neue Ebene, die heutige Ladenebene, eingebaut. Auch die Decken über dem Laden- und über dem Erdgeschoss wurden damals neu eingebracht. Das Erdgeschoss wurde dabei sowohl innen als auch außen weitgehend erneuert.

1981
Bauliche Änderungen wurden letztmals im Jahr 1981 durchgeführt, als man die nördliche Verlängerung des Gebäudes abbrach und dabei auch kleine bauliche Eingriffe im Obergeschoss vornahm.

Ansicht des Fenstererkers im Obergeschoss der südlichen Traufseite (2007) (Bildquelle: Markus Numberger)Ansicht des Fenstererkers im Obergeschoss der südlichen Traufseite (2007) (Bildquelle: Markus Numberger)

Bei den zahlreichen baulichen Eingriffen der 1950/60er Jahre wurden große Teile der historischen Bausubstanz entfernt. Das Unter-, Laden- und Erdgeschoss sind als gänzlich neu anzusehen. Hier sind keine wesentlichen historischen Befunde mehr zu erwarten. In den darüber liegenden Geschossen konnten sich hingegen noch Reste der ursprünglichen Baukonstruktion erhalten. Vor allem die fachwerksichtigen Außenwände, mit dem an der Südfassade befindlichen Fenstererker, sowie die gesamte Dachstuhlkonstruktion gehen noch auf die Erbauungszeit des Gebäudes zurück. Beim Innenausbau des Obergeschosses gibt es jedoch auch zahlreiche Änderungen des 18./19. Jahrhunderts. Das Dachgeschoss dürfte erst Ende des 19. Jahrhunderts zu Wohnzwecken ausgebaut wurden sein.