Erbaut: 1645 (archivalisch datiert), jüngere Überformungen im 19./20. Jahrhundert
Parzellennummer 1836: Haus 105, Scheune 105a
Grundfläche des Hauses 1836: 11,0 Quadratruten (entspricht ca. 90,3 qm)
Scheune: 13,7 Quadratruten (entspricht ca. 112,4 qm)
Steueranschlag 1745: 199 Gulden (Haus), 83 Gulden (Scheune)
Grundherrliche Abgabe:

Kellerei Waiblingen 1 Kreuzer, 4,5 Heller
Geistliche Verwaltung Waiblingen 17 Kreuzer, 2 Heller
Heiliger zu Neustadt 1 Vierling Wachs à 8 Kreuzer

Lange Str. 43 (Bildquelle: Martin Klöpfer)Lange Str. 43 (Bildquelle: Martin Klöpfer)Die sieben Anwesen Lange Straße 31-43 (ungerade Nummern), auf der Ostseite der Lange Straße gelegen, sind alle auf gleichartigen, länglichen Parzellen gebaut. Vorne an der Lange Straße befinden sich die Häuser, in der Scheurengasse, in der Quellen gelegentlich auch “Zwerchgasse” (für querverlaufende Verbindungsgasse) genannt, stehen die Scheunen hinter einem kleinen Innenhof. Die Parzellen sind zwar unterschiedlich breit, mussten aber alle eine Abgabe von ca. 1 Kreuzer in die Kellerei Waiblingen bezahlen, die eine Parzelle etwas mehr, die andere etwas weniger. Dieser Teil der Waiblinger Altstadt ist der einzige Bereich, von dem man den Eindruck hat, dass zu Beginn der Siedlungstätigkeit im Mittelalter eine planmäßige Aufteilung der Parzellen erfolgt ist. Aufgrund der Abgaben in die Kellerei, lassen sich die Besitzfolgen in den Lagerbüchern bis mindestens 1494 nachvollziehen. Aufgrund der Größe der Grundfläche und der Art der Anlage, mit Haus und Nebengebäude, scheinen die Parzellen bei der Planung für Handwerkerhäuser mit Nebenerwerbslandwirtschaft, Weingärtnerhäuser oder auch für kleinere Vollerwerbsbauern vorgesehen zu sein. Für Gasthäuser oder große Geschäftshäuser, wie man sie in der Lange Straße als Hauptverkehrsstraße eigentlich erwarten würde, sind die Häuser zu klein. Als Wohnhäuser für die städtischen Beamten oder die Ehrbarkeit waren sie ebenfalls nicht groß und nicht repräsentativ genug. Daher findet sich auch an keinem der Häuser irgendwelcher Bauschmuck, keine Inschriften oder Neidköpfe, lediglich auf Schmuckfachwerk hat man auch in diesen, eher kleinbürgerlichen Handwerkerschichten nicht verzichtet. Während die Scheunen im hinteren Bereich teilweise zusammengelegt wurden, so dass einem Vorderhaus eine doppeltbreite Scheunenparzelle gegenüber steht, ist dies bei den Häusern an der Lange Straße nicht der Fall, so dass hier keine Häuser auf zwei Parzellen gebaut wurden. Die Scheunen in der Scheurengasse sind heutzutage alle in Wohnhäuser umgewandelt.

Gebäudebeschreibung im Güterbuch 1745
Eine alte 2. stockichte Behausung mit einem gewölbten Keller und höffle in der Langen Gaßen, zwischen Marx Pfleiderer Sattler, und Johann David Scherttinger, Cronenwirth, stost vornen auf die Lange Gaßen, und hinten nachstehende Scheuren.

Eine Scheuren hinter obigem Hauß, Zwischen Marx Pfleiderer, Sattlern und H.[err] Johann Adam Weißen, stost vornen auf das ZwerchGäßlen, und hinten das hinter seinem Hauß befindliche höffle.

Lage

 

Gebäudebeschreibung
Bei dem Gebäude Lange Straße 43 handelt es sich um ein giebelständiges, zweigeschossiges Wohn- und Geschäftshaus, welches inmitten einer eng bebauten Häuserzeile steht. Über einer massiv gemauerten und durch Ladeneinbau (Gasthaus Falken) modern veränderten Erdgeschosszone erhebt sich ein verputztes Fachwerk-Obergeschoss. Nach oben schließt das Gebäude mit einer Dachgeschossebene und Spitzboden unter einem Satteldach ab. Die sehr schlichte Straßenfassade ist über dem Erdgeschoss symmetrisch gegliedert.
Rückwärtig, östlich zum Wohnhaus, steht ein giebelständiges, dreigeschossiges Wohnhaus, welches ehemals als Scheune erbaut wurde und heute unter der Adresse Scheurengasse 10 verortet ist. Über einer hohen, massiv gemauerten Erdgeschosszone, die offenbar nachträglich in zwei Geschosse untergliedert wurde, erhebt sich ein unverputztes Fachwerk-Obergeschoss. Nach oben schließt das Gebäude mit einer Dachgeschossebene und Spitzboden unter einem Satteldach ab. Die Giebelfassade ist symmetrisch gegliedert und besitzt Geschoßvorstöße.

Bau- und Besitzgeschichte

Das Haus Lange Straße 43 ist wohl bereits 1645 wieder errichtet worden. Das Gebäude ist aber von aussen so unscheinbar, dass eine Datierung anhand der Gebäudestruktur oder Fassadengestaltung nicht möglich ist. Hier könnte nur eine bauhistorische Untersuchung und dendrochronologische Altersbestimmung Klärung bringen.

Die Besitzgeschichte ist anhand der Kellereilagerbücher gut nachvollziehbar. Der erste Eigentümer 1494 und 1511 war Hans Happ. Die Familie Happ zählte in dieser Zeit zu den führenden Waiblinger Familien, hat die Stadt aber in der Reformationszeit verlassen. 1568 wird alt Ulrich Schweizer als Besitzer genannt, der sehr wohlhabend gewesen sein muss. Er zinste zwar 1545 aus einem durchschnittlichen Vermögensanschlag von 500 Gulden, ist aber in den Lagerbüchern der Kellerei Waiblingen und des Spital Esslingen mit einem Besitz von mindestens 25 Morgen Ackerland genannt, womit er zu größten Güterbesitzern in Waiblingen gehörte.

Über das Haus Lange Straße 43 berichtet die Zacher-Chronik: „1645 - Michael Henkel, Maurer baute gleich darüber [oberhalb von Georg Schmelzle in der Lange Straße] und verkaufte es hernach an Johann Klöpfer“. Der Cannstatter Vogt Hans Jakob Frischlin machte 1645 die herzogliche Regierung in Stuttgart darauf aufmerksam, dass in den Waiblinger Amtsdörfern Häuser abgebrochen und in die abgebrannte Amtsstadt gebracht wurden. Teilweise wurden die Häuser dort wieder aufgebaut, teilweise wurde das Holz nur als Bau- oder sogar Brennholz verwendet. Der Waiblinger Vogt Christian Herold verfaßte daher 1645 ein ausführliches Schreiben welche Häuser wo abgebrochen worden waren. Er berichtet unter anderem aus Schmiden: „Anno [etc.] [1]645 ist Michael Hennkhen Maurern Von dem Fleckhen ein Häußlin zuekhauffen geben worden So er zue weibling[en] wider vfgerichtet“ und „Georg wilckhe Von Stuetgardten, Hat Michael Henck Zweeÿ einfällige Bäwlin Zuekhauffen geben Dafür er ihme Maurer Arbait An seinem Hauß Zue Schmiden verichten müeßen, Diß Hat er wid[er] Jnn weibling[en] Vfgesezt, nachmalß Johann Klöpfer Zuekhauffen geben, der es Jezt Bewohnt“ Das heißt der Maurer Michael Henke hat 1645 in Schmiden ein kleines Haus gekauft und zudem für einen Stuttgarter Bürger dort Maurerarbeiten verichtet, der ihm dafür zwei andere Gebäude überließ. Alle drei Bauten hat er in Schmiden abgebrochen und das Holz für den Wiederaufbau eines Hauses in Waiblingen verwendet, das er hinterher an Johannes Klöpfer verkauft hat. Klöpfer war in in dieser Zeit im Besitz der beiden benachbarten Häuser Lange Straße 43 und 45. Lange Straße 45 zinste ins Esslinger Spital, in dessen Lagerbuch 1654 berichtet wird, dass es sich eigentlich um Haus und Hofraite handelte, es aber „An Jetzo [eine] Hoffstatt” sei. Daher kann sich der Hausbau 1645 nur auf die Lange Straße 43 beziehen.

Im Jahre 1781 wurde das Anwesen unter den Erben des Sattler Johann Bernhard Pfleiderer aufgeteilt und später weiter vererbt und verkauft, so dass der Besitz bis ins frühe 19. Jahrhundert zersplittert blieb. Die Eigentümer waren im 18. und frühen 19. Jahrhundert meist Handwerker, Sattler, Küfer oder Seiler, aber auch Weingärtner.

1494
Hans Happ aus der Scheune hinter seinem Haus, Anrainer: Christian Wagner Scheune

1511
Hans Happ aus seinem Haus

1568
Alt Ulrich Schweizer aus Hofraite und Scheune, Anrainer: Ludwig Wolfhart und Barbara, Werner Sattler Witwe Hofflächen

1645
Neubau des Gebäudes durch Michael Henke, Maurer, der das Bauholz von drei Gebäuden in Schmiden bezog.

1671
Andreas Kuhnle und Johannes Klöpfer aus Haus und Scheune, Anrainer: Reinhard Darm, die Kasparischen Erben und Johannes Klöpfer selber

1745
Johann Bernhard Pfleiderer, Sattler

1781
Seine Erben: ein Drittel die Tochter Maria Katharina Pfleiderer, ein Drittel Friedrich Kunz, ein Sechstel Christof Kaufmann, der es an Christof Pflüger, Küfer, verkauft hat, ein Sechstel Christof Pflüger selber

1781
Ein Drittel an Johann Friedrich Künzer, Seiler, 1799 an seinem Sohn Friedrich und 1813 ein Sechstel an Christian Friedrich Künzer und Gottlieb Friedrich Sieber

1783
Christof Pflüger verkauft seinen Anteil an Johannes Kölz, Weingärtner

1795
Gottfried Lämmle kauft eine Hälfte am Haus und ein Drittel an der Scheune von Johannes Kölz

1813
Jakob Friedrich Lächner, später sein Ehenachfolger Isaak Friedrich Ruof, kauft die Hälfte am Haus und drei Sechstel an der Scheune von Maria Katharina Pfleiderer

1823
Christian Friedrich Künzer, Seiler, verkauft ein Drittel an der Scheune an Gottfried Häberle

1836
Gottfried Häberle die Hälfte, Gottlieb Sieber Witwe die andere Hälfte und die ganze Scheune

19./20. Jahrhundert
Die Scheune (Scheurengasse 10) wird zu Wohnzwecken ausgebaut.

Lange Str. 43 von 1915 (Bildquelle: Helmut Proß)Lange Str. 43 von 1915 (Bildquelle: Helmut Proß)