Erbaut: 2. Hälfte 17. Jahrhundert
Parzellennummer 1836: 142
Grundfläche des Hauses 1836: 28,0 Quadratruten (entspricht ca. 229,8 qm)
Scheune: 16,8 Quadratruten (entspricht ca. 137,9 qm)
Steueranschlag 1745: 529 Gulden, 50 Kreuzer (Haus), 103 Gulden (Scheuneneinfahrt)
Grundherrliche Abgabe:

Aus dem Haus:
Kellerei Waiblingen 5 Heller
Geistliche Verwaltung Waiblingen 11 Schilling oder 23 Kreuzer, 5 Heller
Spital Esslingen 5 Schilling oder 10 Kreuzer, 5 Heller
Aus der Scheuneneinfahrt:
Kellerei Waiblingen 1 Kreuzer, 4 Heller

Lange Str. 51 (Bildquelle: Jörg Heinrich)Lange Str. 51 (Bildquelle: Jörg Heinrich)Das Haus Lange Straße 51 befindet sich am höchsten Punkt der Lange Straße und weist eine doppelte Hausbreite auf. Zudem liegt es direkt in der Verlängerung des Wegs vom Hochwachtturm in die Stadt, womit es eines der markantesten Gebäude in der Waiblinger Altstadt ist.

Gebäudebeschreibung im Güterbuch 1745
Eine große 2. stockichte Behausung mit einem Kleinen und einem großen Keller, Höfflen Scheuren Hoffstatt, und s: v: Tung Gerechtigkeit alles beÿsam[m]en oben in der Langen Gaßen, zwischen H.[err] david Melchior Riegern, Lam[m]wirthen und Johann Friderich Kauffmann ein: anderseits Jacob Börithen Nagelshmieds Witt:[we] hauß und der Fr.[au] Jnnhaberin Scheuren, stost Vornen und hinten an Friederich Kauffmann, und nachstehende Scheuren.

Einer Scheuren hinter vorbeshribenem Hauß, darunter der Keller Jacob Börrithen Nagelschmids, Witt:[we] gehörig, Zwischen der Frau Jnnhaberin Kuchen Gartten ein: anderseits ihrer Hoffstatt, und Johann Friderich Kauffmann, stost vornen auf der Frau Jnnhaberin Hauß und hinten Friderich Kauffmanns Scheuren.

Eine Scheuren Einfahrt und 8¾ Ruthen Kuchen Gartten, so eine Hoffstatt, Zwishen erstged:[achter] Scheuren, unnd Johann Friderich Kauffmann ein: anderseits dem oberen PfarrGäßlen, Vornen auf Jacob Börithen Nagelschmids W:[itwe] Hauß und hinten H:[err] Johann Friderich Pfeiffern und H:[err] daniel Schreiber.

Lage

 

Gebäudebeschreibung
Lange Str. 51 von 1902 (Bildquelle: Helmut Proß)Lange Str. 51 von 1902 (Bildquelle: Helmut Proß)Beim Gebäude Lange Straße 51 handelt es sich um ein zweigeschossiges, giebelständiges Wohn- und Geschäftshaus am höchsten Punkt der Straße. Über einem durch Ladeneinbauten modern überformten, massiv gemauerten Erdgeschoss, erhebt sich ein fachwerksichtiges Obergeschoss. Das im straßenseitigen Giebel mit elf Fensterachsen sehr breit gelagerte Gebäude dominiert hier den Straßenraum. Nach oben schließt das Gebäude mit vier Dachgeschossebenen unter einem Satteldach mit zahlreichen Schleppgauben ab. Bemerkenswert ist das mittig des Dachfirsts sitzende Glockentürmchen. Die symmetrisch gegliederte Fachwerkfassade besitzt im 2. und 3. Dachgeschoss ehemalige Aufzugsläden und wird darüber hinaus durch Kopfwinkelhölzer und geschweifte Zierstreben gestaltet. Die einzelnen Geschossebenen zeigen leichte Stockwerksvorstöße.

Bau- und Besitzgeschichte

Wie in so vielen Fällen ist auch der Wiederaufbau des Hauses Lange Straße 51 nach dem Stadtbrand von 1634 durch die Familie Weißer erfolgt. Die genauen Umstände und das Jahr der Erbauung sind bislang nicht bekannt, sicher ist aber, dass Bürgermeister Gall Weißer dieses Haus 1677 seinen Kindern und Erben hinterließ. Der Sohn Eberhard, ein Metzger, hatte selbst ein Siebtel geeerbt, betrieb hier zweitweilig das Gasthaus zur Krone und schaffte es zunächst von den Erben weitere Anteile aufzukaufen. Er ist dann aber veramt und vertauschte seinen Anteil gegen ein Haus vor dem Schmidener Tor, als 1706 Robert Dehl, Oberst beim schwäbischen Kreis, das gesamte Haus von den Weißerschen Erben aufkaufte. Dehl veräußerte das Anwesen bereits 1710 wieder an den Waiblinger Stadt- und Amtsschreiber Georg Christian Vischer, der wahrscheinlich bis zu seinem Tod 1735 dort die Stadtschreiberei betrieb. Seine Witwe konnte den Besitz noch bis 1757 halten, dann wurde das Haus unter den Erben aufgesplittet, die ihre Anteile wieder an Waiblinger Handwerker und Händler vor allem aus den Familien Pfleiderer und Villinger weiter verkauften. Zu Beginn 20. Jahrhunderts wurde ein Kino, das Capitol, eingerichtet, wofür ein hölzernes Türmchen als obere Abdeckung für einen Lüftungsschacht aufsetzt werden mußte. 1968 erfolgte im Erdgeschoß ein Ladeneinbau. 1986 brach im 2. Obergeschoß ein Feuer aus, bei dem tragischerweise eine Frau zu Tode kam, am Haus ist der Dachstuhl samt Giebel verbrannt.

Das Haus war unter anderem mit einem, ungewöhnlich niedrigen Zins von 5 Heller belastet, der in die Kellerei Waiblingen zu bezahlen war. Damit läßt sich die Besitzgeschichte der Vorgängerbauten bis mindestens 1494 zurück verfolgen. Im ersten Kellereilagerbuch von 1350 gibt es zwei Häuser, die 5 Heller Abgaben zu leisten haben, die Besitzangaben sind aber in dieser frühen Quelle sehr knapp gehalten und nicht wie später durch Lagebezeichnungen oder Namen von Anwohnern präzisiert. Das andere Haus liegt in der Sachsenheimer Gasse, die heute durch die Marktgasse überbaut ist und früher ein Bezirk war, der sich durch kleine Parzelle auszeichnete und vor allem von ärmeren Familien bewohnt wurde. Für eines der beiden Häuser verzeichnet das Lagerbuch von 1350 die “Barfuzzen” (Barfüßer) als Eigentümer, womit üblicherweise Angehörige des Franziskanerordens bezeichnet wurden. Bislang war nicht bekannt, dass es in Waiblingen eine Franziskanerniederlassung gab, die Nennung im württembergischen Lagerbuch von 1350 weist aber eindeutig darauf hin. Wie lange sich diese klösterliche Einrichtung in Waiblingen halten konnte, ist bislang leider nicht bekannt. Eine Klosterniederlassung eines Bettelsordens würde für das Anwesen Lange Straße 51 besser passen als für ein Haus in der Sachsenheimer Gasse. Zudem fällt auf, dass diese doppeltbreite Parzelle mit einer sehr kleinen Abgabe belegt ist. Möglicherweise wurde hier einer geistlichen Einrichtung ein “Sonderpreis” eingeräumt. Daher ist nicht auszuschließen, das die Anlage einer doppeltbreiten Parzelle auf ein kleines Franziskanerkloster des 14. Jahrhunderts zurückgeht.

1350
Franziskanerkloster?

1494
Jörg Dietz, Anrainer:Hans Lang und Hans Reichard.

1511
Hans Schmid und Matthias Beck

1568
Das Gebäude ist geteilt, Matthias Ehninger und Martin Brack sind Eigentümer, Anrainer:Hans Maier und Jörg Bach.

1684
Johann Caspar Zacher, gewesener Amtskeller zu Durlach vertauscht seinem Schwager Eberhard Weißer den von seiner Schwiegermutter Anna Maria, Herrn Gall Weißer, Bürgermeister Witwe 1677 ererbten siebten Teil Haus, Scheuren, Hofstatt und Garten in der Langen Gasse zwischen Johann Kaufmann, Lammwirt und Gall Lehre, Schuhmacher, vorne auf die Allmand und hinten Johann Weißer, Müller für 200 Gulden.

1699
P. E. Bürckle von Durlach verkauft im Namen seiner Hausfrau Maria Dorothea Weißer seinem Schwager Herrn Eberhard Weißer aus dem Gall Weißerischen [Erbe]:
1/7 der Gall Weißerischen Behausung
1/7 vom Neufferischen Keller

1706
Johann Dehl, vom schwäbischen Kreis bestellter Obrist und Kommandant des löblichen Erbprinzischen Regiments zu Pferd kauft am 22.04.1706 von Johann Georg Weißer das Anwesen um 470 Gulden.

1710
Oberst Dehl verkauft das Haus an Georg Christian Vischer, Stadt- und Amtsschreiber um 2100 Gulden.

1745
Herr Stadtschreiber Georg Christian Vischer Witwe

1757
Georg Christian Vischer starb bereits 1735, seine Witwe konnte das Anwesen bis zu ihrem Tod 1757 halten. Von ihr erben: ¼ Tochter Maria Elisabetha, ¼ Sohn Johann Christof Vischer, ¼ Sohn Johann Christian, Pfarrer in Hegnach, ¼ Tochter Friederike Christiane.

1762-1823
Die Vischer-Erben verkaufen unterschiedliche große Hausteile an: Hans Jörg Schwarz (Ehenachfolger Johann Daniel Heinzel), Jakob Pfleiderer, Zeugmacher, Georg Friedrich Villinger, Seifensieder, und Johann Georg Villinger.

1831
½ Jakob Pfleiderer, Zeugmacher
½ Johann Georg Villinger, Seifensieder Witwe

1836
½ Jacob Pfleiderer, Zeugmacher
½ Georg Heinrich Villinger, Seifensieder
¼ Gottlob Villinger, ledig

1843
½ Jakob Pfleiderer, Zeugmacher
½ Georg Heinrich Villinger, Seifensieder
¼ Gottlob Villinger, Buchinger

1877
19/30 Wilhelm Villinger, Seifensieder
7/30 Hermann Frank, Schneider
4/30 Christian Gottfried Klein, Schuhmacher

1927
Ausbau zum Kino Capitol-Lichtspiele

1968
Einrichtung eines Ladens im Erdgeschoß

1986
Im 2. Obergeschoß bricht ein Brand aus, bei dem tragischerweise eine Frau zu Tode kommt, am Haus verbrennt der Dachstuhl samt Giebel.

Quellenhinweis: Karl Otto Müller, Altwürttembergsiche Urbare aus der Zeit Graf Eberhards des Greiners, (= Württembergische Geschichtsquellen, Bd. 23), Stuttgart 1934, hier: S. 185, Zeile 15.