Erbaut: 1. Hälfte 18. Jahrhundert
Parzellennummer 1836: 411
Grundfläche des Hauses 1836: 24,6 Quadratruten (entspricht ca. 201,9 qm)
Steueranschlag 1745: 208 Gulden, 47 Kreuzer
Grundherrliche Abgabe:

Armen Kasten Waiblingen 18 Schilling, 4 Heller oder 39 Kreuzer, 4 Heller
Geistliche Verwaltung 6 Kreuzer, 3 Heller

Lange Str. 65 (Bildquelle: Markus Numberger)Lange Str. 65 (Bildquelle: Markus Numberger)Nachdem die Stadt Waiblingen im Verlauf des 30jährigen Krieges 1634 niedergebrannt wurde, vollzog sich der Wiederaufbau nur sehr langsam. Zudem kamen weitere Belastungen durch den Pfälzischen (1688-1697) und den Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714) auf die Stadt zu. Bis zum Jahre 1709 waren erst ca. 60 % des Gebäudebestandes der Zeit vor dem Stadtbrand wiederhergestellt. Doch mit dem Beginn des 18. Jahrhunderts begannen sich die Bautätigkeiten in der Stadt zu verstärken. In eben diese Zeit fällt auch die Erbauung des Gebäudes Lange Straße 65, welches wohl als eines der ersten Gebäude außerhalb der südlichen Stadtmauer - vor dem Fellbacher Stadttor - errichtet wurde. Im Laufe des 18. Jahrhunderts entwickelte sich hier die Fellbacher Vorstadt, von welcher das Gebäude Lange Straße 65 den wohl letzten Zeitzeugen repräsentiert.

Gebäudebeschreibung im Güterbuch 1745
Eine 2stockichte Behausung mit einem Scheuren Thenn, gewölbten Keller, und Scheurenplaz darbey, welcher aber derZeit ein Küchengartt, und 6¾ Ruthen Plaz ist, alles beysammen vor dem Fellbacher Thor, zwischen Hr. David Melchior Riegers KüchenGartten und der Straß, stost vornen auf den MühlWeeg, und hinten Johann Zimbrecht Hizlers Witt[we].

Lage

 

Gebäudebeschreibung
Bei dem Gebäude handelt es sich um ein zweigeschossiges, verputztes Wohn- und Geschäftshaus, welches ursprünglich als Gasthaus außerhalb
der Stadtmauer errichtet wurde. Das Gebäude - mit massivem Erdgeschoss und Fachwerk-Obergeschoss - befindet sich an der Ecke zwischen Lange Straße und Bürgermühlenweg, wobei die Firstrichtung parallel zur Langen Straße verläuft. Das nördliche Giebeldreieck weist profilierte Gesimse, jedoch ohne Auskragungen auf. An der südöstlichen Gebäudeecke befinden sich mehrere, teilweise dreigeschossige Anbauten, die weitgehend der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstammen. Im Erdgeschoss befindet sich ein Sportgeschäft, im 1. Obergeschoss sind zwei Wohnungen, im 1. Dachgeschoss drei Wohnungen eingerichtet.

Der ehemalige Gasthausausleger „Zum Lamm” befindet sich heute im Eingangsbereich des Stadtarchivs Waiblingen.

Lange Str. 65 Lamm

Bau- und Besitzgeschichte
Auf der Kieser'schen Ansicht der Stadt Waiblingen von 1686 ist vor dem südlichen Stadttor - dem sog. Fellbacher Tor - noch keine Vorstadt vorhanden und die Parzelle des Gebäudes Lange Straße 65 noch unbebaut. Auf der Schmitt'schen Karte von 1797 lässt sich dagegen schon
eine vorstädtische Struktur vor dem Fellbacher Tor erahnen. Im Jahr 1774 wurde der Stadtgraben vor dem Fellbacher Tor aufgeschüttet und dadurch die Erbauung der Fellbacher Vorstadt ermöglicht. Das Gebäude Lange Straße 65 wurde jedoch schon einige Jahrzehnte zuvor erbaut. Angesichts der Lage des Gebäudes an einer wichtigen Achse Waiblingens direkt vor dem südlichen Stadttor und aufgrund der Ausdehnung und Großzügigkeit der Räume war das Gebäude sicherlich schon ursprünglich als Gasthaus konzipiert. Dies lässt sich auch an den Berufen der frühen Besitzer ablesen, die zumeist Bäcker oder Metzger waren.

Im Stadtarchiv Waiblingen sind keine älteren Güterverzeichnisse überliefert. Jedoch lassen sich über die Familiengeschichte des Johann Christoph Pfleiderer weitere Erkenntnisse gewinnen, die möglicherweise auch den Bauherren des Gebäudes verraten.

1745
Die erste archivalische Nennung findet sich im Güterbuch aus der Zeit um 1745. Damals verkaufte der Bäcker Johann Christoph Pfleiderer das Gebäude. Johann Christoph Pfleiderer wurde am 06. März 1719 als Sohn des Johann Marx Pfleiderer - Sattler von Beruf - in Waiblingen geboren. Er heiratete am 11. Juni 1743 Maria Barbara geb. Krauss, welche die Tochter des Bäckers Johann Krauss war. Durch diese Ehe könnte der erst
24jährige Johann Christoph Pfleiderer in den Besitz des Gebäudes gekommen sein. Aus der Familie Krauss gingen über mehrere Generationen Bäcker und Gastgeber/Wirte in Waiblingen hervor. Mit etwas Vorsicht betrachtet könnte daher das Gebäude in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts durch einen Vertreter der Bäcker-Familie Krauss erbaut wurden sein.

1746
1/2 Johannes Beißwanger
1/2 Melchior Beißwanger

1769
Der Metzger Johannes Eisele übernimmt die Hälfte von Melchior Beißwanger.

1814
1/2 Matthäus Herzog, Schmied
1/6 Heinrich Eisele
1/6 Margreth Eisele
1/6 Anna Maria Eisele

1842
1/2 Christoph Wahler
1/2 Daniel Arnold, Bauer

1854
1/2 Carl Wahler, Metzger und Röslenwirt zu Endersbach
1/6 Gottlieb Wahler, Metzger
1/6 Christoph Kauffmann, Metzger
1/6 David Oppenländer

1863-1880
Im Besitz des Georg Köpf, Bierbrauer von Altheim. Er lässt 1865 ein Bierbrauerei und eine Branntweinbrennerei anbauen. Ab ca. 1877 wird das Gebäude als Gasthaus "Zum Lamm" bezeichnet.

1880-1885
Im Besitz des Karl Christoph Wieland, Bierbrauer

1885-1895
Im Besitz des Gottlieb Moritz, Ökonom

1895-ca. 1935
Im Besitz des Wilhelm Schweizer, Lammwirt. Er läßt 1911 den südlichen Teil des Erdgeschosses umbauen.

Ab ca. 1935
Im Besitz der Familie Winter.

1937
Baugesuch zum Einbau eines Ladens im nördlichen Erdgeschoss (durch Erwin Winter).

1960/70er Jahre
Einbau des Sport-Geschäftes Winter.

1980er Jahre
Einbau einer Fußgängerpassage im Erdgeschoss.

Um 2008
Abbruch des Gebäudes