Parzellennummer 1836: 80
Grundfläche des Hauses 1836: 16,9 Quadratruten (entspricht ca. 138,7 qm)
Steueranschlag 1745: 408 Gulden
Grundherrliche Abgabe:
Geistliche Verwaltung Waiblingen 12 Schilling oder 26 Kreuzer
Stadt Waiblingen für die Staffel 4 Kreuzer, 2 Heller
Marktplatz 1 (Bildquelle: Jörg Heinrich)
Das Haus Marktplatz 1 steht an einer der prominentesten Stellen in der Waiblinger Altstadt, in einer Ecksituation mit einer Fassade zum Markt und der anderen zur Lange Straße. Rechts daneben befand sich der Taubenmarkt, ein schmaler Streifen öffentlichen Straßenlands, ca. 5 Meter breit, auf dem von Zeit zu Zeit Vögel zum Kauf angeboten wurden, der aber normalerweise als Zufahrt für die im rückwärtigen Bereich gelegene Scheune Lange Straße 29 und den Hof hinter dem Gebäude Marktplatz 3 benutzt wurde. Als Nebengebäude hatten die Eigentümer meist eine Scheune in der Oberen Sackgasse, während die dahinter gelegene Lange Straße 29 nie zum Haus Marktplatz 1 gehört hat.
Gebäudebeschreibung 1712
Eine Behausung mit zwei Keller untereinander auf dem Markt zwischen der Langen Gasse und dem Allmendgäßle, vorne auf den Markt und hinten das Allmendgäßle stoßend.
Gebäudebeschreibung im Güterbuch 1745
Eine 3. stockichte Behausung mit einem Ercker und 2.en Kellern auf dem Marckt, zwischen der Langen Gaßen, und dem Allmand Gäßle, stost Vorne auf den Marckt, und hinten die Allmand.
Lage
Marktplatz 1 Rückseite (Bildquelle: Helmut Proß)Gebäudebeschreibung
Bei dem Gebäude Marktplatz 1 handelt es sich um ein dreigeschossiges Wohn- und Geschäftshaus in repräsentativer Ecklage zur Lange Straße. Über einer massiv gemauerten und durch Ladeneinbauten modern überformten Erdgeschosszone erheben sich zwei unverputzte Fachwerk-Obergeschosse. Die südwestliche Gebäudekante wird durch einen zweigeschossigen Polygonalerker in den beiden Obergeschossen betont. Nach oben schließt das Gebäude mit drei Dachgeschossebenen unter einem Satteldach ab. Die Fachwerkgeschosse besitzen leichte Geschossvorstöße über teils mit kielbogigen Schnitzungen versehenen Schwellen. Alle vier Fachwerkfassaden zeigen Zierfachwerkelemente wie Andreaskreuze, geschnitzte Kopfwinkelhölzer oder geschweifte Fußstreben. Der markante Eckerker sitzt auf einer steinernen Konsole mit aufwendigem Bauschmuck wie Rollwerk, Neidköpfen und Engelsköpfen.
Der Bauherr des Gebäudes Marktplatz 1 war Hans Christof Maier, der von 1666 bis ca. 1700, also fast 35 Jahre, Verwalter im Kloster Adelberg war. Maier hat sich das Haus als Altersruhesitz bauen lassen und ist dort auch im November 1704 im Alter von 62 Jahren gestorben. Das genaue Erbauungsjahr ist unbekannt, im Haischbuch der Geistlichen Verwaltung von 1698 ist aber erstmalig von einer „Behausung‘“ die Rede. Maier war verheiratet mit Anna Maria, der Schwester des Waiblinger Bürgermeisters Johannes Weißer, der vermutlich die Baustelle in Waiblingen für ihn überwachte, da Maier bis 1700 noch im Kloster Adelberg tätig war.
Das Haus steht auf einer, für ein so stattliches Gebäude kleinen Grundfläche. Dies wird dadurch ausgeglichen, dass das Haus drei Stockwerke hat mit Fachwerkschmuckfassaden auf drei Seiten, auch auf der Seite zum Taubenmarkt, die schlecht einsehbar ist. Zudem betont der Erker, ein für Waiblingen in dieser Größe ungewöhnliches Bauelement, die Ecksituation. Das Haus ist aufwendig mit Neidköpfen geschmückt, die aber ihren ursprünglichen Charakter, wild und abschreckend zu sein, weitgehend verloren haben, sehr zahm wirken und unterhalb der Erkerschwelle sogar durch Engel mit Blumengirlanden ersetzt sind. Gemeinsam mit dem für das ausgehende 17. Jahrhundert bereits unmodernen Rollwerk, das in Konsolen, aber auch in einem Neidkopf eingearbeitet ist, handelt es sich um den üppigsten Bauschmuck in der Waiblinger Altstadt.
Marktplatz 1 Neidkopf (Bildquelle: Martin Klöpfer) |
Marktplatz 1 Eckkonsole (Bildquelle: Martin Klöpfer) |
Das Gebäude ist ein gelungener Abschluss für den Wiederaufbau der Waiblinger Altstadt in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts und verwendet noch einmal alle typischen Elemente, die diese Phase prägten: ein steinernes Erdgeschoss, Schmuckfachwerk mit Andreaskreuzen, K-Streben, geschnitzten Kopfwinkelhölzern und kielbogige Schnitzungen an den Schwellen. Zudem vorkragende Geschosse, Neidköpfe und Rollwerk, hier noch gesteigert durch den Erker und drei Vollgeschosse. Dazu passend wurde das Haus von zwei Angehörigen der Familie Weißer erbaut, einer Familie, die den Wiederaufbau der Waiblinger Altstadt nach der Brandkatastrophe von 1634 maßgeblich bestimmt hat. Die Symmetrie der Fassade weist aber bereits in die Richtung, die der Fachwerkbau in Waiblingen im 18. Jahrhundert nehmen sollte.
Nachdem Hans Christof Maier 1704 gestorben war, erbten seine Witwe und seine Schwiegersöhne das Haus, alle weiteren Besitzer waren Angehörige der städtischen Ehrbarkeit, bis 1819 die Oberamtspflege des Haus kaufte und als Oberamtsgericht nutzte. Nachdem der Staat 1908 ein neues Amtsgerichtsgebäude in der Bahnhofstraße 48 gebaut und im August 1909 bezogen hatte, verkaufte er das für eine Behörde ungeeignete Gebäude. Beim 2. öffentlichen Aufstreich erwarb das Gebäude Kaufmann Gottlob Villinger für 26.000 Mark. Seitdem ist das Gebäude ein Geschäftshaus.
Vor 1698
Johannes Weißer [1645-1722], Bürgermeister [1686-1722], baut für seinen Schwager Hans Christof Maier [1686-1704], Klosterwalter zu Adelberg, das große Eck- und Erkerhaus auf dem Marktplatz an der Langen Gasse, worin dieser sich zur Ruhe setzte und gestorben ist.
1712
Die Witwe Anna Maria, geb. Weißer, und ihre beiden Schwiegersöhne verkaufen das Haus an Reinhard Zweifel, Amtmann in Beinstein. Zweifel tauscht kurz darauf mit Stadt- und Amtspfleger Johann Sack das Gebäude gegen ein Haus in der Kurzen Gasse.
1752
Herr Stadt- und Amtsschreiber Johann Gottlieb Jäger im Tausch
1767
Die Witwe 7 Achtel und 1 Achtel der Sohn Karl Jäger
1804
Die Jägererben verkaufen an Herm Amtsschreiber Heinrich Ernst Ferdinand Boley für 4.000 Gulden
1819
Boley veräußert das Haus an die Oberamtspflege Waiblingen, die das Haus als Oberamtsgericht nutzt.
1842
Die Oberamtspflege verkauft an die Staatsfinanzverwaltung für 7.000 Gulden
Marktpl. 1 von 1906 (Bildquelle: Helmut Proß)
1909
Das Haus gelangt in den Besitz von Gottlob Villinger, Kaufmann und wird seitdem als Geschäftshaus genutzt.

