Erbaut: um 1645 (archivalisch datiert), wohl im frühen 20. Jahrhundert weitestgehend erneuert
Parzellennummer 1836: 81
Grundfläche des Hauses 1836: 16,2 Quadratruten (entspricht ca. 133 qm)
Scheune: 10,2 Quadratruten (entspricht ca. 83,7 qm)
Steueranschlag 1745: 437 Gulden
Grundherrliche Abgabe:

Stadt Waiblingen 32 Kreuzer, 3 Heller aus einer Überbauung

Marktplatz 3 (Bildquelle: Helmut Proß)Marktplatz 3 (Bildquelle: Helmut Proß)

Das Haus Marktplatz 3 liegt an der Nordseite des Marktplatzes. Die Parzellen der vier Anwesen Marktplatz 3, 5, 7 und 9 gehören zu den längsten Parzellen in der Waiblinger Altstadt und reichen rückwärtig fast bis zum Heugäßle. Alle vier waren ursprünglich durch eine Abfolge von Vorderhaus – Innenhof – Scheune gegliedert.

Gebäudebeschreibung im Güterbuch 1745
Eine Behausung auf dem Marckt mit 2en Stöckhen, worunter ein gewölbter Keller, samt einer darhinter stehenden Scheuren, Zwischen H[err] Johannes Wagner, Zeügmachern und dem Allmand Gäßlen, stost Vornen auf den Marckht, und hinten Ulrich SPeichen und Jacob Böhringer Becken.

Lage

Marktpl. 3 von 1928 (Bildquelle: Helmut Proß)Marktpl. 3 von 1928 (Bildquelle: Helmut Proß) 

Gebäudebeschreibung
Bei dem Gebäude Marktplatz 3 handelt es sich um ein giebelständiges, zweigeschossiges Wohn- und Geschäftshaus an der Nordseite des Marktplatzes. Über einer massiv gemauerten und durch Ladeneinbau überformten Erdgeschosszone erhebt sich ein verputztes Obergeschoss. Nach oben schließt das Gebäude mit zwei Dachgeschossebenen unter einem Satteldach mit Wiederkehr ab. Ob sich unter dem Verputz eine Fachwerkkonstruktion oder ein Massivbau verbirgt läßt sich nicht eindeutig erkennen. Die schlichte Putzfassade ohne jegliche Vorstöße sowie die Wiederkehr der Dachtraufe an der Giebelseite sprechen jedoch für eine Erneuerung des Gebäudes um 1900.

Bau- und Besitzgeschichte

Das Anwesen Marktplatz 3 hatte nur eine Abgabe an die Stadt Waiblingen zu leisten, weshalb sich die Besitzgeschichte nicht über den Dreißigjährigen Krieg hinaus zurückverfolgen läßt. Nach der Brandkatastrophe von 1634 ließ laut Zacher-Chronik der Beinsteiner Schultheiß Wendel Tochtermann das Haus 1645 neu erbauen. Tochtermann stammte aus Münster bei Cannstatt, er hatte 1633 eine Angehörige der dörflichen Ehrbarkeit in Beinstein geheiratet und wurde dort Schultheiß. Er ist einer der wenigen im 17. Jahrhundert lebenden Remstäler von dem zwar kein Porträt existiert, aber zumindest eine schematisierte Darstellung vorhanden ist. Im Jagdzimmer des Schloss Lichtenstein bei Urach ist eine farbige Marktplatz 3 A HeinrichBemalte Glasscheibe aus der Trinkstube, Schloss LichtensteinGlasscheibe von 1650 in die Wanddekoration integriert, die wahrscheinlich aus dem Bären in Cannstatt stammt und eine gesellige Runde von Männern zeigt, vielleicht eine Trinkstubengesellschaft, eine Art frühen Verein, wo Geschäfte gemacht, Heiraten geschlossen und natürlich auch gefeiert wurde. Die meisten der Herren sind aus Cannstatt, Wendel Tochtermann war wahrscheinlich Mitglied, weil er aus Münster stammte und dadurch Beziehungen nach Cannstatt unterhielt. Sein Name ist der zweite von rechts in der oberen Reihe, leider schlecht lesbar, weil der obere Teil durch eine Verkleidung halb verdeckt ist. Die Dargestellten sitzen um einen großen Tisch, der damaligen Mode entsprechend in ein Wams gekleidet, eine Art Jacke ohne Ärmel, mit Pluderhosen, Halskrausen und teilweise mit Hüten. Vor ihnen stehen Speisen und Getränke: Fisch und Brezeln, Bier und Wein. Es wurde von Holzbrettern gegessen, als Besteck waren nur Messer vorhanden. Obwohl die Darstellung kein Portät von Wendel Tochtermann ist, vermittelt sie trotzdem einen gewissen Einblick in die Lebensumstände in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Tochtermann ist am 01.01.1657 im Alter von nur 44 Jahren in Beinstein gestorben, als „wohlverdienter 19-jähriger Schultheiß allhier, [der] von jedem hoch beklagt [wird]“.

Die drei Söhne des Wendel Tochtermann verkauften das Haus um 1665 an Kaspar Schiller, den Ururgroßvater des Dichters Friedrich Schiller. Kaspar Schiller stammte aus Neustadt bei Waiblingen, hatte 1646 die aus Hößlinswart stammende Anna Hägele geheiratet und war nach Waiblingen gezogen. Die Familie lebte zunächst im 1832 abgebrochenen Torhaus am Beinsteiner Tor. Schiller war Bäcker, ist dann aber ins Stadtgericht berufen worden, war Almosenpfleger, Mühlenaufseher, Brot- und Fleischbeschauer und auch Holzverwalter. Da passte ein Haus am Markt gut zum sozialen Aufstieg in die städtische Führungsschicht. Er ist am 17.06.1695 im Alter von 72 Jahren gestorben, sein Sohn Hans Kaspar, der Urgroßvater des Dichters, hat zwar noch in Waiblingen geheiratet, ging aber später nach Bittenfeld.

Die späteren Besitzer des Anwesens waren Handwerker oder Handeltreibende.

1645
Wendel Tochtermann, Schultheiß zu Beinstein, baute in die Ecke an dem Amtshaus auf dem Markt und Samuel Mader Hofstatt

1668
Die Bürgermeisterrechnung vermerkt von Kaspar Schiller, zuvor Wendel Tochtermann hinterbliebene drei Sohne aus ihrem Haus am Markt die Bezahlung von 15 Schilling Urbarzins.

1695
Kaspar Schiller Erben verkaufen an Friedrich Hirt, Bürgermüller:
Eine Behausung, Scheuer und Hofstätten auf dem Markt, zwischen dem Allmendgäßle und dem Amtshaus vorne auf den Markt und hinten Haus Becherer, Metzger, zinst Gemeiner Stadt für das Haus 15 Schilling Urbarzins für 900 Gulden.

1705
Johannes Melchior Kaufmann, Bürger und Metzger (und dessen Stiefvater Johann Heinrich Walch, Lammwirt), Kauf für 1.200 Gulden zwischen der Vogtei Behausung und dem Gäßle bei des Adelbergischen Verwalters Haus.

1750
Johann Georg Weiß übernimmt das Haus von der Witwe Kaufmann

1755
Verkauf an Herrn Handelsmann Daniel Friedrich Beck

1762
Tausch gegen Johann Christof Pfleiderer, Bäcker

1771
Die Hälfte an den gleichnamigen Sohn Johann Christof übertragen

1784
Der Sohn erhält ein weiteres Viertel

1825
Wilhelm Friedrich Pfleiderer, Bürger und Bäcker
Kauf des Hauses aus der Erbmasse des Johann Christof Pfleiderer 2/3 des Hauses für 1.466 Gulden, 1/3 geerbt wird für 733 Gulden angeschlagen

1848
Christian Rinker, Tuchmacher
½ Haus und 1/6 Scheuer Kauf von Pfleiderer für 2.100 Gulden bar

1860
Christian Holzwart, Bäcker
½ Haus und 2/5 an der Scheuer von Pfleiderer für 3.100 Gulden

1860
Gottlob Villinger, Buchbinder
½ Haus und 1/5 Scheuer, Kauf von Tuchmacher Rinker für 2.200 Gulden

1875
Christian Villinger, Buchbinder
½ Haus und ½ Scheuer für 2.800 Gulden von der Mutter

1877
½ Christian Holzwart, Bäcker und Christian Villinger, Buchbinder
Ein 2-stockiges Wohnhaus, 1 Stock von Stein, sonst Fachwerk mit gewölbtem Keller am Markt

1879
Gottlob Villinger, Uhrmacher
½ Haus und 1/5 Scheuer um 5.000 Mark von Christian Villinger

1891
Jakob Wößner, Bäcker
½ Haus und 2/5 Scheuer um 9.900 Markt, Kauf von Christian Holzwart