Parzellennummer 1836: 204
Grundfläche des Hauses 1836: 17,3 Quadratruten (entspricht ca. 142 qm)
Steueranschlag 1745: 207 Gulden, 390 Gulden ab 1780
Grundherrliche Abgabe:
Kellerei Waiblingen 2 Kreuzer, 4 Heller
Marktplatz 8 (Bildquelle: Helmut Proß)Die Gebäude mit den Nummern 6 (Traube) und 8 (ehemaliger Fruchtkasten der Geistlichen Verwaltung) bilden den östlichen Abschluss des Waiblinger Markplatzes. Während zwischen dem Rathaus und der Traube nur ein schmaler Durchlass für die an dieser Stelle den Markplatz querenden Kurze Straße besteht, liegt das Haus Marktplatz 8 etwas zurückversetzt. Eine Seitenfassade befindet sich bereits in der Kurzen Straße, die hier im 90-Grad-Winkel nach rechts abknickt.
Gebäudebeschreibung im Güterbuch 1745
Ein FruchtKasten und Keller darunter auf dem Marckht beÿm Bronnen, Zwischen der Kurzen Gaßen und anderseits dem Schloßhoff und herrn Apothecker Johann Heinrich Ledermann, stost Vornen auf den Marck Bronnen, und hinten den Kellereÿ Kasten.
Gebäudebeschreibung 1877
Ein Wohnhaus mit 3 gewöhnlichen Stöcken und einem Mansardenstock, ein Stock von Stein, sonst Fachwerk, mit gewölbtem Keller, am Markt und dem Marktbrunnen.
Lage
Gebäudebeschreibung
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Bau- und Besitzgeschichte
Die Besitzgeschichte läßt sich mithilfe der Lagerbücher der Kellerei Waiblingen, in die 2 Kreuzer 4 Heller Abgaben aus diesem Haus bezahlt werden mußte, bis 1494 zurückverfolgen. Bis zum Kauf des Bauplatzes durch die Geistliche Verwaltung, der zwischen 1568 und 1671 erfolgt sein muss, standen an dieser Stelle zwei Häuser. Die beiden Besitzer aus dem Jahre 1511 sind in der Herdstättenliste von 1525 genannt: Wolf Scherers Haus ist mit 100 Gulden angeschlagen, das des Hans Reichart mit 150 Gulden. Beides sind unterdurchschnittlich niedrige Steueranschläge. Trotz der Lage am Ostrand des Marktplatzes müssen die beiden Häuser entweder klein gewesen sein oder in einem schlechten baulichen Zustand.
Von den beiden Eigentümern im Jahre 1568 sind über Hans Mader einige Details bekannt. Er erscheint 1545 in der Türkensteuerliste mit einem Vermögensanschlag von 500 Gulden, von 1553 bis 1563 ist er als Spießer mit Rüstung in den Musterungslisten erwähnt. Im Kirchenbuch ist er häufig als Pate genannt und war verheiratet mit einer Katharina Schertinger. In einem Zeugenverfahren von 1583 gibt er an, er sei 59 Jahre alt und ca. 30 Jahre in Gericht und Rat. Er habe viele Kinder und ein ordentliches Vermögen, das er als „Gewerbsmann“ erarbeitet habe. Mader war also durchaus vermögend, gehörte zur städtischen Ehrbarkeit und war ein Händler, der am Markt ansässig war.
Danach kam das Haus in den Besitz der Geistlichen Verwaltung - wann genau ist nicht bekannt - und wurde nach der Brandkatastrophe von 1634 als Scheune wieder aufgebaut, die zur Aufbewahrung der Naturalabgaben der Kirchengutsverwaltung diente. Wolfgang Zacher berichtet in seiner Chronik, dass 1643 mit herzoglichem Patent eine Brandsteuer bei acht benachbarten Reichsstädten gesammelt wurde, wodurch 266 Gulden zusammenkamen. Zacher war der Ansicht, dass das Geld den Bürgern zustand, um ihre Häuser wieder aufzubauen. Die Bürgermeister, denen das Geld ausgehändigt wurde, haben es aber verwendet, um den „Verwaltungsamtskeller“, also das Haus Marktplatz 8 vollends zu überbauen und mit einer Wohnung und einem Fruchtkasten zu ergänzen.
Am Anfang des 18. Jahrhunderts wurde die Geistliche Verwaltung mit der klösterlichen Adelberger Pflege vereinigt. Deshalb konnte der Fruchtkasten am Markt 1715 an Christof Heinrich Speidel verkauft werden. Danach gelangte das Haus durch Erbschaft oder Verkauf an verschiedene Besitzer bis 1767 Johann Gottfried Seeger, Bürgermeister sowie Stadt- und Amtspfleger, das Gebäude von seinem Schwiegervater erbte. Er ließ den Fruchtkasten vollständig als Wohnhaus ausbauen und nach dem Geschmack der Zeit ein Mansarddach aufsetzen. Dieser große Umbau muss spätestens 1780 abgeschlossen worden sein, denn im Güterbuch ist eine Steuererhöhung vermerkt „nach vollführtem Bauwesen“. Der Steuerbetrag wurde von 207 auf 390 Gulden hochgesetzt. Bürgermeister Seeger oder sein Sohn richteten im Erdgeschoss einen Kaufmannsladen ein, was sich an dieser Stelle geradezu anbot. Ab 1849 erscheint Konditor Kaiser zunächst als Pächter, 1877 kann er erst zwei Drittel und 1890 den Rest des Gebäudes kaufen. Dort entstanden 1889 Kaisers „Brust-Caramellen“. Der Sohn Theodor verlegte den Betrieb in die neue Fabrik in der Bahnhofstraße, während der neue Besitzer Konditor Adolf Kübler am Marktplatz 8 ein Café einrichtete. Seit 1979 ist das Gebäude im Besitz der Stadt.
Marktplatz 8 Schlußstein (Bildquelle: Helmut Proß)Die alte Rundbogentür mit dem schönen Schlußstein und dem ovalen Ochsenaugenfenster sowie der Neidkopf an der Hausecke, alles noch von der Geistlichen Verwaltung stammend, befanden sich bis nach dem Zweiten Weltkrieg in der Mitte der Marktplatzseite. Diese gesamte Eingangspartie ist im Jahre 1953 beim Ladenumbau und der Neuanlage des Treppenaufgangs auf die Nordseite versetzt worden.
1982 war das Gebäude renovierungsbedürfig, weshalb eine Befunduntersuchung der Fassade angestellt wurde. Dabei wurde eine spätbarock-frühklasizistische Quaderbemalungen mit Mäanderzierbändern festgestellt, die in Resten unter dem Putz lag und dem Umbau von 1780 zugeordnet werden konnte. Eine ähnliche Quaderbemalung aus dieser Zeit ist heute noch an einigen Häusern in Tübingen, vor allem Rathaus zu sehen, dort mit Bildschmuck. Das Fachwerk an diesem Haus hat nie freigelegen, es handelt sich um ein reines Konstruktionsfachwerk, wie es vom 18. Jahrhundert an häufig gebaut wurde. Mit dieser Quaderbemalung wollte man einen Steinbau imitieren, was einem Zeitgeschmack entspricht, der Steinhäuser bevorzugte oder wenigstens Verputz oder Imitation, die Steinbau vortäuschen. Verputzte Häuser galten als städtisch, Fachwerkhäuser als ländlich-bäuerlich.
Aufgrund dieses Befundes favorsierte das Landesdenkmalamt eine Wiederherstellung der Quaderbemalung anstatt einer Fachwerkfreilegung mit folgender Begründung: diese „Imitationen“ seien bei öffentlichen Bauten häufiger vorgekommen, bei einem Privathaus aber bislang nicht bekannt. Anderswo sei diese Fassadengestaltung weitgehend verschwunden, daher sei der Fund in der Waiblinger Altstadt ein Glücksfall. In einer Sitzung im Dezember 1982 entschied sich der Gemeinderat mit einer knappen Entscheidung für die Wiederherstellung der Quaderbemalung, die im Juni 1983 fertig gestellt wurde.
1494
Lukas Schütz und Christian Wolf, Anrainer: Hans Frank und „Meins gnedigen herrn Newenn haůß”
1511
Hans Reichart und Wolfgang Scherer
1568
Hans Mader und Jung Wolf Wertwein, Anrainer: Ulrich Rieger und der Herrschaft Württemberg Kornbehausung, hinten die Schloßküche
1671
Die Geistliche Verwaltung, Anrainer: Hans Jakob Hagenloch und der Herrschaft alter „Roggenkasten“
1654
Zacher-Chronik: Der Geistliche Verwaltungsanbau- und Fruchtkasten wurde dieses Jahr vollführt und die gesammelte Brandsteuer der 266 Gulden dahin verwendet.
Marktplatz 8 Neidkopf (Bildquelle: Helmut Proß)
1715
Die Geistliche Verwaltung verkauft an Christof Heinrich Speidel einen Fruchtkasten und Keller auf dem Markt, zwischen der Kurzen Gasse und Johann Christof Lidvogel, Apotheker, vorne auf den unteren Fruchtkasten der herrschaftlichen Kellerei stoßend, für 1.100 Gulden.
1745
Herr Christof Friedrich Speidel, Kammerrat und Vogt Erben
1747
Johannes Reichert, Uhrmacher
1761
Magister Cleß, Pfarrer in Rommelshausen
1767
Tochtermann Johann Gottfried Seeger, Bürgermeister, Stadt- und Amtspfleger
Bis 1780
Umbau zum Wohnhaus, Aufstockung und Fassadengestaltung mit Quaderbemalung
1802
Die Hälfte an Sohn Friedrich Ludwig Seeger, Handelsmann
1803
Die andere Hälfte an den Schwiegersohn Johann Gotttfried Weißer, Bürgermeister und Amtspfleger
1817
Johann Gotttfried Weißer erwirbt auch die andere Hälfte
1843
Ab diesem Jahr ist in den Güterbüchern nicht mehr von einem 2-stockigen, sondern von einem 3-stockigen Haus die Rede. Möglicherweise wurde das 3. Stockwerk erst in dieser Zeit und nicht schon bei der Umbauphase im späten 18. Jahrhundert aufgesetzt. Diese Frage könnte über eine dendrochronologische Altersbestimmung geklärt werden.
1851
Notar Heinrich Weißer kauft 2/3 für 1.950 Gulden und Johannes Kurrle 1/3 für 975 Gulden
1877
2/3 Friedrich Kaiser, Konditor
1/3 Christian Pfleiderer, Tuchmacher
1890
Friedrich Kaiser kauft das letzte Drittel von der Witwe Christiane Elisabeth Pfleiderer, geb. Simon
1894
Der Sohn Theodor Kaiser kauft das ganze Gebäude für 20.000 Mark
1896
Adolf Kübler, Konditor für 22.500 Mark
1897
Bauliche Verbesserungen und Einrichtung verschiedener Zimmer
Marktpl. 8 von 1908 (Bildquelle: Helmut Proß)
1979
Im Besitz der Stadt Waiblingen
1982-1983
Wiederherstellung der Quaderbemalung