Parzellennummer 1836: 109 und 109½
Grundfläche des Hauses 1836: Parzelle 109: 13,5 Quadratruten (entspricht ca. 110,8 qm)
Parzelle 109½: 13,4 Quadratruten (entspricht ca. 110 qm)
Steueranschlag 1745: 483 Gulden, 50 Kreuzer
Grundherrliche Abgabe:
Geistllichen Verwaltung 32 Kreuzer, 3 Heller und 2 Herbsthühner oder 8 Kreuzer
Kellerei Waiblingen 3 Schilling, 9 Heller oder 8 Kreuzer
Inschriften:
Inschrift über den Portal der rechten Haushälfte
.1680.
HER. MARTIN
PFLEDER
ER BURGEN
MAISTER
GEORG
ALEZEH
STAINHOWER
[Steinmetzzeichen]
Schmidener Str. 2 (Bildquelle: Helmut Proß)
Die Schmidener Straße 2 besteht aus einem Doppelhaus, das aufgrund seiner Größe und Anlage häufig aufgeteilt wurde. Die Eckquader in der linken Haushälfte sind mit der Jahreszahl „1574“ versehen, daher ist davon auszugehen, dass das gesamte steinerne Untergeschoß den Stadtbrand von 1634 überlebt hat. Das war wahrscheinlich auch der Grund, daß der aus Winnenden stammende Sattler und spätere Bürgermeister Martin Pfleiderer bereits 1648 den linken Hausteil und 1680 die rechte Hälfte mit einer Fachwerkkonstruktion überbaut hat. Seine Töchter haben bei der Erbschaft den Besitz in zwei Hälften aufgesplittet. Nachdem von 1693 bis 1749 das Haus nochmal in der Hand eines einzelnen Besitzers war, zunächst Johann Jakob Clos dann die ehrbare Famile Schmid, die teilweise in Stuttgart lebte, wurde das Gebäude aufgeteilt und an verschiedene Käufer weitergegeben was zu einer großen Besitzzersplitterung und häufigen Verkäufen führte (Details siehe unten).
Während der linke Hausteil mit einer schlichten Fachwerkkonstruktion versehen ist, wahrscheinlich waren in dieser Zeit aufgrund der Kriegsereignisse die finanziellen Möglichkeiten von Martin Pfleiderer noch ziemlich begrenzt, ist der rechte Hausteil im obersten Stockwerk mit Zierfachwerk und im Erdgeschoßbereich mit einer aufwendigen Eckkonsole und einer Inschriftentafel versehen. Damit zählt dieser Gebäudeteil zu den am meisten mit Bauschmuck versehenen Häusern in der Waiblinger Altstadt.
Schmidener Str. 2 Eckkonsole (Bildquelle: Martin Klöpfer)Vor allem die Eckkonsole ist außergewöhnlich und wird von Scheible in einer Abhandlung über die Waiblinger Neidköpfe folgendermaßen charakterisiert und beschrieben:
„Unter den trutzkopfverzierten Eckkonsolen Waiblingens sicherlich das Prunkstück, das in dreifacher Karnies-Schwingung massig bewegt unter der besonders stark heraustretenden Kragecke vorschwingt und dessen bildhauerischer Schmuck mit seinem hohen Reliefgrad, dazu der eigentümlich lappigen Weichheit der Bildungen frühbarock wirkt: das meisterhaft gemeißelte Löwenhaupt mit einem langgewellten, von Rollwerk gerahmten Mähnenhaar, die üppigen, schildförmigen Pflanzen- und Fruchtgehänge der beiden zurücktretenden Segmente, bestehend aus einer Früchte- und einer Blattrosette (birnen-, mohnkapsel-, traubenähnliche Formen; Akanthus), unten von schweifwerkartigen, abstrakten Zierelemtenen gerahmt.“
Bereits in den 1980er Jahren kam die Frage auf, ob die Detailformen der aufwendig gestalteten Eckkonsole, kunsthistorisch eher in die Zeit vor oder nach dem Dreißigjährigen Krieg zu datieren sind. Der Kunsthistoriker Adolf Schahl hat sich dazu in einem Brief an den damaligen Stadtarchivar Glässner geäußert: „Die Formen der in dreifacher Karnies-Schwingung massig bewegt vortretenden Konsole und der bildhauerische Schmuck mit seinem hohen Reliefgrad, dazu der eigentümlichen lappigen Weichheit der Bildungen (siehe Löwenkopf und Schildformen) sind frühbarock; ich würde sie um 1670 ansetzen. Die formalen Elemente im einzelnen stammen aus der Renaissance; aber diese Elemente werden bei uns überhaupt erst um 1680/90 durch das barocke Laubwerk abgelöst, halten sich also lange, wenn auch in der angedeuteten Aufweichung der Formen, die an den Knorpelstil erinnern, den man bei uns ebenfalls erst nach 1650 antrifft. Bezeichnend, dass das Schild mit der Inschrift von 1680 über dem Portal Rollwerk zeigt, wie es die Konsole, stärker ausgeprägt, hat. Im übrigen glaube ich nicht, dass Allezeh der Bildhauer der schönen Konsole war.“
Gebäudebeschreibung im Güterbuch 1745
Eine 2stockichte Behausung mit einem Scheuren Thenn, gewölbten Keller, und Scheurenplaz darbey, welcher aber derZeit ein Küchengartt, und 6¾ Ruthen Plaz ist, alles beysammen vor dem Fellbacher Thor, zwischen Hr. David Melchior Riegers KüchenGartten und der Straß, stost vornen auf den MühlWeeg, und hinten Johann Zimbrecht Hizlers Witt[we].
Lage
Gebäudebeschreibung
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Bau- und Besitzgeschichte
1574 Bauinschrift
Schmidener Str. 2 Bauinschrift 1570 (Bildquelle: Martin Klöpfer)
1648 (laut Zacher Chronik)
Martin Pfleiderer (1621-1685), Sattler von Winnenden, baute die ansehnliche Gastherberg zum roten Löwen, nächst hinten am Kornhaus gegen das Schmidener Tor.
Schmidener Str. 2 Portalinschrift 1680 (Bildquelle: Martin Klöpfer)
1685
Vermutliche Erben die Töchter:
1.) Maria Margretha, geb. 1656, verh. I. 1680 Hans Jörg Klöpfer (1651-1691), Sattler, Salzverwalter 1686 und Senator 1688, verh. II. 1692 Hans Konrad Hahn (1641-1720), Bürgermeister 1691.
2.) Agnes Magdalena, geb. 1662, verh. I. Johann Obermüller (1661-1690), Handelsmann, verh. II. 1692 Johann Jakob Cloß, Handelsmann, verh. III. 1701 Philipp Jakob Weber (1671-1728), Handelsmann und Gerichtsverwandter.
1693
Johann Jakob Cloß kauft eine Haushälfte vom Schwager Hans Konrad Hahn, Bürgermeister und wird damit alleiniger Besitzer.
1718
Johann Obermüller, Stiefsohn, fürstlicher Kassier und Kaufmann in Stuttgart im Erbgang
1718
Dr. med. Johann Ulrich Schmid, fürstlicher Leibmedikus kauft das Gebäude von Johann Obermüller für 2.275 Gulden (der Unterschied zwischen dem Kaufpreis 1718 und dem Steueranschlag 1745 ist normal. Die Steueranschläge waren immer deutlich geringer.)
1745
Wilhelm Friedrich Schmid, Spezial in Weinsberg Witwe, später Wilhelm Ulrich Schmid, Pfarrer
1749
½ (Parzelle 190) Johann Lipp, Tuchscherer
1760
½ (Parzelle 190½) Johannes Kaufmann, Metzger
1766
Johannes Kaufmann wird Eigentümer des gesamten Hauses
1769
½ (Parzelle 190) Johann Heinrich Kaufmann, Bäcker (Erbe vom Vater)
1782
½ (Parzelle 190½) Jung Johannes Kaufmann, Metzger (Erbe vom Vater)
1783
¼ (Parzelle 190) Johann Jakob Stahl, Strumpfweber von Heinrich Kaufmann
1784
¼ (Parzelle 190) Johann Adam Oßwald, Sattler von Heinrich Kaufmann
1790
1/16 (Parzelle 190½) Johann Jakob Stahl, Strumpfweber von Johannes Kaufmann
5/16 (Parzelle 190) Stahl-Ehenachfolger Martin Krimmel
7/16 (Parzelle 190½) Johannes Kauffmann
1833
¼ Karl Christof Oßwald, Sattler, vom Vater
1843
7/16 Johannes Kaufmann, 3/16 Karl Nörlinger, 2/16 Johann Jakob Kuppinger, ¼ Karl Christof Oßwald, Sattler
1877
7/16 Wilhelm Gottlob Glocker, Maler, 5/16 Johann Jakob Kuppinger, Schuhmacher, ¼ Karl Christof Oßwald, Sattler
1900
7/16 Wilhelm Glockner, 5/16 M. Kuppinger, ¼ A. Pfleiderer
Literaturhinweis:
Erich Scheible: Die Neidköpfe in der Waiblinger Altstadt – ein besonders typischer Hausschmuck der Vergangenheit - in: Waiblingen in Vergangenheit und Gegenwart, Bd. 7, 1984, S. 210-234.